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Fazit – Meine Zeit in Winnipeg

Lange genug habe ich mir nun den Kopf zermartert, was ich Abschließendes über mein Auslandssemester sagen kann. Zu vielschichtig, verrückt, aber auch anstrengend war meine Zeit in Winnipeg.

Fast so schön wie der

Der Unialltag

Die UW ist keine große Uni und für mich waren die kleinen Klassen in meinen Kursen Fluch und Segen zugleich. Zwar waren wir immer genügend Leute im Raum, sodass ein kurzzeitiges Wegnicken nicht aufgefallen wäre, jedoch immer genug Leute für eine Gruppenarbeit. Die ständigen Gruppenarbeiten oder Besprechungsrunden waren sehr untypisch im Vergleich zum deutschen Studienalltag, allerdings genauso erfolgsarm. Allerdings habe ich das Oberstufenfeeling sehr genossen.

Der Arbeitsaufwand ist definitiv anders verteilt als in Deutschland, aber durchaus machbar. Die Tests während des Semesters zwingen einen regelrecht dazu, immer am Ball zu bleiben und teilen den Lernstoff auch gut ein. Durch die wöchentlichen Readings – wenn man sie denn macht – weiß man zumindest, was man tun muss, wenn der Prof vom „Nacharbeiten“ spricht.

Darüber hinaus sind die Profs alle sehr explizit darin, was denn in den Tests behandelt wird und wie dieser bewertet wird. Obwohl diese Behandlung mehr an meine Schulzeit erinnert, muss ich doch sagen, dass ich mir etwas mehr „guidance“ im deutschen Hochschulwesen wünschen würde. In Kanada antworten die Professoren nämlich auf E-Mails, die man ihnen zukommen lässt – und schicken einen nicht von Pontius zu Pilatus.

Ein weiterer Vorteil an der UW ist, dass man kein teures Sprachzertifikat braucht. Durch meinen Englischkurs an der Heimatuni konnte ich mir einfach ein DAAD-Zertifikat ausstellen lassen, welches ohne Probleme anerkannt wird. Da es jedoch so einfach war, an ein Zertifikat zukommen, hatte ich ziemlichen Bammel davor, mit meinen Englischkenntnissen baden zu gehen. Dazu besteht allerdings keine Sorge! Häufig nehmen die Professoren Rücksicht auf Nichtmuttersprachler. Abgesehen von einem Professor, der ein Wörterbuch nur unter Bestätigung durch das Lernbehinderungszentrum anerkennen wollte, durfte ich in die meisten Prüfungen ein Wörterbuch mitnehmen, welches ich jedoch kaum gebraucht habe. (Nachtrag: Natürlich wurde das vom Lernbehinderungszentrum nicht anerkannt, da es keine Lernbehinderung ist, Englisch als Fremdsprache zu sprechen.)

Ich will jetzt keinesfalls behaupten, dass mein Englisch komplett fehlerfrei ist, aber nach den vier Monaten ist zumindest die Hemmung zu sprechen weg. Und wenn ich einen grammatikalischen Fehler mache oder das richtige Wort vergesse - so what?!

Kurze Fußwege vom Wohnheim aus machen auch den Regen erträglich.

Das Studentenwohnheim

Günstig war das Wohnheim zwar nicht, allerdings kann ich nur eine Lanze für das Wohnheim brechen. Klar, die Ausstattung war nicht die beste, - die Studenten werden teilweise wie unmündige Kinder behandelt - aber in puncto Laufwege und Geselligkeit war es unschlagbar. Selten habe ich einen Abend allein auf dem Zimmer mit Netflix verbracht und durch die vielen neuen und internationalen Bekanntschaften erhält man Einblicke in die ganze Welt. Falls man also wirklich Gesellschaft sucht, ist es kein großes Ding, sich einfach in eine der Lounge zu setzen und Anschluss zu suchen.

Ich mache das Halligalli im Wohnheim maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich eigentlich kein Heimweh hatte.

Mein Zimmer war zufällig größer als das von anderen, aber ich bin die Letzte, die sich deswegen beschwert. Über die Einrichtung lässt sich streiten, aber als mir an einem Abend in der Prüfungsphase die einzige Glühbirne im Zimmer ausging und ich wortwörtlich im Dunkeln saß, war das Problem am nächsten Nachmittag behoben. Ich hatte einfach eine E-Mail an Campus Living schreiben müssen. Das einzige Problem, dass ich als solches benennen möchte, ist die Bettwäsche. Beim Einzug kann man sich entweder Bettwäsche aufs Zimmer direkt bestellen, oder sich selbst kaufen oder mitbringen. Wer sich die Bettwäsche über die Residence Linen bestellt, hat am Ende seines Auslandssemesters das Zeug wieder loszuwerden. Und da man es bis zu seinem Abflug braucht, ist es schwer die Bettgarnitur zu spenden. Aufgrund der Armut in Winnipeg und der hohen Anzahl der Obdachlosen, kombiniert mit den kalten Wintern wäre es jedoch unmoralisch, warme Bettwäsche einfach wegzuwerfen. Hierfür wäre es gut von der UW, sich eine Lösung einfallen zu lassen, wie und wo man so was am besten spenden kann.

Der Meal Plan war zwar bequem, aber auch nicht so großartig. Satt bin ich geworden, verwöhnt eher nicht. Abgesehen vom Breakfast Burrito, den ich jetzt überall verzweifelt suche. Bisher hat kein Pendant so gut geschmeckt wie in Winnipeg. 

Einen kulturellen Unterschied gab es allerdings im Wohnheim: Die Flurverantwortlichen – RAs genannt – sind selbst Studenten, allerdings jedoch für den reibungslosen Ablauf auf dem ihnen zugeteilten Stockwerk verantwortlich. Darüber hinaus sind die meisten kanadischen Erstsemesterstudenten sehr jung, weswegen die RAs gewisse Kindergartenumgangsformen haben. Da von den Studenten in Deutschland eher eine gewisse Reife erwartet wird, gab es hin und wieder kleinere Debatten. Teilweise wussten die Studenten nicht, wie man eine Mikrowelle bedient oder die RAs nahmen es mit dem Labeln der Nahrungsmittel etwas zu genau. Passiv-aggressive Klebezettel inklusive.

W wie Winnipeg

Wie viele andere Großstädte ist Winnipeg vor allem eins: hässlich. Hat man sich aber an den Anblick gewöhnt, eröffnet sich einem der besondere Charme von Winnipeg: ein bisschen Altbau, ein bisschen Hipster und „normale“ Wohnhäuser in der Mitte. Bilder an Hauswänden, die über bloßes Graffiti hinausgehen, sogenannte „Murials“, verteilen sich über die gesamte Stadt und geben ihr einen gewissen Shabby-Chic.

Was man wissen sollte ist, dass Winnipeg ein ziemliches Problem mit Armut und Drogen wie Crystal Meth hat. Bettler und Obdachlose prägen das Stadtbild. Manche der Menschen sind so arm, dass sie einen sogar um Zigaretten bitten, die sie dann gegen Nahrungsmittel eintauschen. Auch Raubüberfälle und tätliche Messerangriffe kommen hin und wieder vor. Vor allem in Downtown, wo auch die UW liegt, sollte man sich nachts nicht unbedingt allein aufhalten.

Mit gesundem Menschenverstand ist Winnipeg allerdings sehr gut bezwingbar. Ich will keinesfalls irgendwelche Panik verbreiten, denn solange man die Lage realistisch einschätzen kann, ist Winnipeg wie jede andere Großstadt.

Einen riesigen Pluspunkt – abgesehen von den Lebenshaltungskosten – sind die Leute. Fast jeder ist super nett und mit der Zeit kann man richtige Freundschaften schließen. Vielleicht eben weil die Stadt als solche manchmal grausam sein kann, halten die Leute zusammen. Ob beim Taxi teilen, Getränke ausgeben, weil man neu in Winnipeg ist – danke?! – oder allgemein im Alltag: Die Kanadier sind bekannt als freundliche Menschen, aber die Winnipegger zeigen einen Zusammenhalt, der über bloße Freundlichkeit hinausgeht.

Positiv ist auch, dass viele Freizeitmöglichkeiten kostenlos sind. In Winnipeg war ich bei so vielen (kostenlosen) Comedy Shows, dass meine beste Freundin meinte, ich solle gefälligst bedeutend witziger nach Hause kommen. Wie erfolgreich das komödiantische Talent der Anderen abgefärbt hat, kann ich jetzt noch nicht beurteilen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich mein Auslandssemester genossen habe. All die Eindrücke, Freundschaften und Lehren, die ich aus meiner Zeit in Winnipeg gezogen haben, überdauern hoffentlich meine Neujahrsvorsätze. Der Unialltag in Kanada mag anders sein als in Deutschland, wenn man es aber versteht, sich die Arbeit richtig einzuteilen, ist es mehr als machbar. Winnipeg als solches ist vielleicht nicht die architektonisch reizvollste Stadt Kanadas, aber wer die Zeit hat, sollte sie nutzen und ein wenig in die Prairies herausfahren. Ich denke, dass Winnipeg und Manitoba mehr zu bieten hat, als Uniworkload und Eiseskälte – und ist damit ein (bezahlbares) Auslandssemester wert.

Lisa Denndörfer zuletzt bearbeitet am 09.01.2019