Den Horizont erweitern (Süddeutsche Zeitung, 05.06.2014, Nr. 128, S.34)

Nach dem Bachelor ins Ausland: Das Masterstudium außerhalb Deutschlands bedarf guter Vorbereitung. Um Themen wie Fristen, Fördermittel und Krankenversicherung sollte man sich frühzeitig kümmern

Von Bianca Bär

Wer heute während des Bachelors ein Semester im Ausland verbringt, erregt damit wohl in kaum einem Bewerbungsgespräch mehr viel Aufmerksamkeit. Allein das Erasmus-Programm ermöglichte es im vergangenen Jahr 35 000 jungen Leuten, einen Teil ihres Studiums fernab der Heimat zu absolvieren. Im Anschluss an den Bachelor entschließt sich nach den Angaben des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) jedoch nur jeder zwanzigste Student dazu, ein komplettes Masterstudium im Ausland aufzunehmen. Dabei sind die Gründe vielfältig, Deutschland für das Aufbaustudium den Rücken zu kehren.

Neben der Vertiefung der Sprachkenntnisseund dem Erwerb von interkultureller Kompetenz kann auch der Aspekt der fachlichen Qualifikation für einen Master im Ausland sprechen. „BestimmteLänder bieten in gewissen Studienrichtungen besonders gute Studiengänge an. Wer sich beispielsweise im Business-Bereich auf Asien spezialisieren möchte, findet in Australien viele Studiengänge, bei denen die Kommunikation mit asiatischen Ländern ein zentraler Bestandteil ist“, sagt Hilka Leicht, geschäftsführende Gesellschafterin des International Education Centre (IEC) in Berlin, einer Studienplatzvermittlung fürAuslandsstudien. Sie hält es ferner für sinnvoll, für Studiengänge, die in Deutschland „erst in den Kinderschuhen stecken“, im Ausland jedoch schon seit Jahrzehnten erprobt sind, die Heimat zu verlassen. Dazu zählt unter anderem der Master of Engineering Management, der in den USA und Australien bereits seit mehr als zwanzig Jahren Ingenieure auf eine Tätigkeit im Management vorbereitet.

Häufig wirken jedoch höhere Lebenshaltungskosten und Studiengebühren abschreckend – dies gilt vor allem für die USA, Großbritannien und Skandinavien. In Großbritannien ist eine fünfstellige Summe für ein einjähriges Masterstudium keine Seltenheit. Kein Grund, sich dagegen zu entscheiden, findet Leicht. Sie weist darauf hin, dass im Gegenzug die Masterstudiengänge im englischsprachigen Ausland meistens kürzer seien als hierzulande. „Man sollte die Lebenshaltungskosten von 10 000 bis 15 000 Euro beachten, die jedes Studienjahr hier in Deutschland kostet. Wenn ich mir zum Beispiel durch einen Master im Ausland ein Jahr Studium spare oder in ein Land mit günstigen Lebenshaltungskosten gehe, kann ich damit die Studiengebühren reinholen. Kostenmäßig muss es also nicht teurer sein, wenn man sein Studium im Ausland absolviert.“

Trotzdem lassen sich mehrere Tausend Euro nicht aus dem Ärmel schütteln. Wer nicht genügend Geld hat, kann von staatlichen Förderprogrammen oder Stipendien profitieren. In Mitgliedsstaaten der EU und in der Schweiz lassen sich komplette Masterstudiengänge sogar mit deutschem Bafög fördern. Außerhalb Europas werden nur Auslandsteilstudien nach mindestens einem Studienjahr in Deutschland gefördert, informiert Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk in Berlin. Außerdem gibt es staatliche Zuschüsse für Zusatzkosten der Krankenversicherung. „Sofern an der ausländischen Hochschule Studiengebühren anfallen, kann man maximal für ein Jahr bis zu 4600 Euro Bafög als Zuschuss bekommen. Dafür muss man nachweisen, dass man die Ausbildung nur an der ausgewählten Hochschule absolvieren kann und dass man sich um Erlass oder Ermäßigung der Studiengebühren bemüht hat“, gibt Grob Auskunft.

Eine alternative Finanzierungsmöglichkeit ist der über die KfW erhältliche Bildungskredit des Bundes. Wer Studienkredite aufnehme, laufe allerdings laut Grob Gefahr, sich zu verschulden. Stattdessen weist er auf Stipendien von Stiftungen,Vereinen und Verbänden sowie auf die Begabtenförderungswerke hin. Der DAAD bietet Graduierten und Promovierten ein Jahresstipendien für Ergänzungs-, Vertiefungs- und Aufbaustudien im Ausland. Ist der finanzielle Aspekt geklärt, gilt es, sich sprachlich fürs Ausland vorzubereiten. Bastian von Jarzebowski, Pressesprecher des DAAD, rät dazu, frühzeitig Sprachkurse in Deutschland oder im Ausland zu belegen. Auch Bewerbungsfristen und Termine für Sprachprüfungen sollten die Studierenden immer im Hinterkopf behalten. Unter Umständen wird im Gastland sogar eine zusätzliche Krankenversicherung verlangt. „Innerhalb der EU und in Ländern mit Sozialversicherungsabkommen mit Deutschland ist man über die Europäische Krankenversicherungskarte abgesichert“, sagt Grob. Diese wird von der gesetzlichen Krankenkasse ausgestellt und garantiert dem Versicherten eine Behandlung zu den gleichen Bedingungen und Kosten, wie sie für die im Gastland Versicherten gelten. Diese Vorbereitungen kosten sehr viel Zeit. Daher empfehlen Jarzebowski und Leicht, bestenfalls schon anderthalb Jahre im Voraus damit zu beginnen.

Hat man eine bestimmte Karriere im Sinn, ist gute Vorbereitung unerlässlich. Gravierende Nachteile sind Hilka Leicht zufolge zu befürchten, wenn die Studierenden eine Promotion in Deutschland anhängen möchten. „Da gilt es, sich eingehend über die Anforderungen der deutschen Universität zu informieren. Diese variieren von Hochschule zu Hochschule. Hat man im Ausland einen einjährigen praktischorientierten Master absolviert, wird er von einer deutschen Uni möglicherweise eher wie ein Fachhochschulstudium gewertet, das kann schwierig werden.“

Weitere Fallstricke können laut Dorothee Fricke von der Hochschulrektorenkonferenz mit Sitz in Bonn und Berlin das Führen eines Titels in Berufen mit einem klar geregelten Ausbildungsweg oder der Zugang zu Fortbildungen sein. „Beispielsweise berechtigt ein Masterstudiengang Psychologie im Ausland nicht automatisch zur Aufnahme einer Therapeutenausbildung in Deutschland. Für eine Anerkennung muss man nachweisen, dass man während des Auslandsstudiums genügend praktische Erfahrung gesammelt hat.“ Anerkennungsschwierigkeiten könne es laut Jarzebowski auch bei Studiengängen geben, die in Deutschland noch mit einem Staatsexamen abgeschlossen würden. „Das betrifft zum Beispiel Juristen und Ärzte.“

Künftige Masterstudenten, die befürchten, den Überblick über anstehendeVorbereitungsmaßnahmen zu verlieren, können sich von der Studienplatzvermittlung IEC kostenlos einen Betreuer zur Seite stellen lassen. „Der kümmert sich auch um die Übersetzung und Beglaubigung der Dokumente und hilft beim Ausfüllen der Formulare. Und besonders wichtig: Er erinnert den Studenten an alle Deadlines.“ Der Traum vom Masterstudium im Ausland soll schließlich nicht wegen einer verschlafenen Anmeldefrist platzen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 128, Donnerstag, 5. Juni 2014, Lernen – Die Beilage für Schule, Hochschule und Weiterbildung, S. 34

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