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#11 Das Fenster zum Hof

Im schummrigen Licht des Hinterhofes auf dem kalten Pflasterstein sitzend, eine Zigarette nach der anderen rauchend - leere Bierflaschen rollen über den nackten Asphalt des Parkplatzes, während bis tief in die Nacht laute Schreie an den Wänden der umliegenden Wohnblocks widerhallen...

Wenn ich abends aus der Küche unserer Wohnung in den Innenhof des McLaren Wohnheims schaue, halte ich es für unwahrscheinlich, dass alle der rund 600 hier untergebrachten Studenten zum Studieren nach London gekommen sind. Jeden Morgen auf dem Weg zur Uni lässt sich durch die zurückgelassenen Spuren der letzten Nacht erahnen, was sich hier abgespielt haben muss: Glasscherben und Zigarettenstummel, Bierdosen und Konfetti - meine bisherigen Highlights waren ein umgebauter Einkaufswagen mit provisorischem Raketenantrieb und ein kaputter Damenschuh mit hohem Absatz auf der Suche nach seiner besseren Hälfte.

Dass die meisten deutschen Austauschstudenten in einem Block untergekommen sind, den man ähnlich wie das Gleis 9 3/4 nur findet, wenn man von seiner Existenz weiß, ist Fluch und Segen zugleich. Von hier aus kann man das nächtliche Treiben im Hof zwar am schlechtesten beobachten, wird von den partywütigen Nachbarn aber auch selten am Schlaf gehindert. Stattdessen bietet unsere Küche einen bescheidenen Ausblick auf die obere Hälfte des London Eyes und einen großzügigen Einblick in einen unüberdachten, aber abgezäunten Lagerraum des Wohnheims, in welchem ungenutzte Küchengeräte, Schreibtische und Matratzen dem Verfall der Gezeiten preisgegeben werden - die spinnen doch die Briten!

Wie in vielen Wohnungen ist die Küche auch in unserer das Zentrum sozialer Interaktion. Vor der Anziehungskraft des Kühlschranks ist auf Dauer keiner gefeit und lässt Dich an diesem Ort auch längst verschollen geglaubte Mitbewohner wiederentdecken. Zu Stoßzeiten finden hier oft meisterhafte Koordinationsübungen statt, wenn vier Leute auf acht Herdplatten simultan beweisen, dass sie ihr Abitur zurecht erlangt haben. Am Wochenende gibt es meist einen beeindruckenden Wettbewerb zu beobachten: Wer schafft es als letztes seinen Küchenabfall auf den meterhohen Müllberg aus unserem Mülleimer zu stapeln, ohne die Tüte auswechseln zu müssen. Wenn ich Montag morgens mit kleinen Augen und abstehenden Haaren meinen Kaffee zubereite, während die Putzfrau unseren Müll leert, schäme ich mich ein bisschen. Mein freundlicher Morgengruß relativiert wahrscheinlich wenig - diese Leute müssen uns hassen, da bin ich mir sicher!  

Im Wohnheim ist man rund um die Uhr sehr um unsere Sicherheit besorgt. Neben der Gefahr eines plötzlich auftretenden Feuers (Testen des Feueralarms jede Woche Dienstag), dem Herabstürzen durch ein geöffnetes Fenster (kein Fenster kann vollständig geöffnet werden) herrscht offenbar eine große Angst vor fremden Eindringlingen! Externer Besuch muss per Formular angemeldet werden, darf maximal 7 Tage bleiben und wird offiziell nur einmal im Monat genehmigt. Um abends von der Eingangstür des Wohnheims in mein Zimmer zu gelangen gilt es fünf Hindernisse zu überwinden: Öffnen der Eingangstür mittels einer Magnetkarte, Vorzeigen meiner Karte oder meiner Schlüssel an der Rezeption, Karte um die Eingangstür zu meinem Wohnblock zu öffnen, erster Schlüssel um in unsere Wohnung zu gelangen und einen zweiten Schlüssel um mein Zimmer aufzuschließen. Wenn ich mit vollgepackten Einkaufstüten in beiden Händen vom pflichtbewussten Rezeptionisten dazu aufgefordert werde, mich auszuweisen, denke ich schon mal ernsthaft darüber nach, aus purem Trotz mit rohen Hühnereiern im Hinterhof zu randalieren!

 

Cheers,

Lukas

Ruhe vor dem Sturm

Lukas Krähn zuletzt bearbeitet am 02.02.2015