Warum türkischstämmige Studierende beim Auslandsstudium nicht nur an die Türkei denken sollten

IEC Interview mit Caner Aver und Cihan Süğür von der Türkisch-Deutschen Studierenden und Akademiker Plattform e.V.

Caner Aver (links) und Cihan Süğür (rechts) von TD-Plattform e.V.
Caner Aver (links) und Cihan Süğür (rechts) von TD-Plattform e.V.

Die TD-Plattform ist ein Zusammenschluss türkischstämmiger Studierender und Akademiker/innen in Deutschland. Über den Zusammenhang von Bildung, Teilhabe und den Vorteil eines Auslandsstudiums sprachen wir mit Caner Aver, dem Präsidenten des Vereins, und dem 1. Vizepräsidenten Cihan Süğür.

Frage: Herr Aver, im Vergleich zu meiner Zeit an der Universität sieht man heute viele türkischstämmige Studierende an deutschen Hochschulen. Ist besser trotzdem nicht gut genug? 

Aver: Besser ist es im Vergleich zu den Jahren zuvor geworden. Das Ziel muss eine Angleichung an den Bundesdurchschnitt sein. Deshalb haben wir noch sehr viel Potential, was den Hochschulzugang besonders von Türkischstämmigen betrifft. 

Nur 10,7 % der türkeistämmigen Jugendlichen, die in Deutschland zur Schule gegangen sind, haben das Abitur gegenüber 21,2 % in der Bevölkerung ohne Migranten und nur 3,7 % einen Hochschulabschluss (16,1 %). Über die Jahre entwickelt sich das Bildungsniveau unter ihnen zwar positiv, allerdings stehen sie vor größeren Herausforderungen im sozial selektiven Bildungssystem in Deutschland. Sowohl ihr Migrationshintergrund als auch ihre soziale Gesellschaftszugehörigkeit können sich nachteilig auf den Bildungswerdegang auswirken. Nur 23 % der Arbeiterkinder in Deutschland schaffen den Sprung an die Universität gegenüber 77 % der Kinder aus Akademikerfamilien. Hinzukommt noch das Problem der Studienabbrecher. Die Studienabbruchquoten unterscheiden sich zwischen Bildungsinländern mit Migrationshintergrund und Herkunftsdeutschen mit 41 % zu 25 % maßgeblich (HIS-Studie 2011).

Frage: Vor einiger Zeit erschreckte mich eine Zahl: 40 % der türkischstämmigen Hochschulabsolventen in Deutschland suchen ihre berufliche Zukunft in der Türkei, weil sie in Deutschland für sich keine Chance sehen. Was läuft da falsch? 

Aver: Etwa zwei Drittel der Türkeistämmigen beabsichtigen nicht, in die Türkei abzuwandern und über ein Viertel ist grundsätzlich offen; die Unschlüssigen bewegen sich um die 10% über den Zeitverlauf. Unterschiede bestehen lediglich im Generationen- und Geschlechtervergleich, wobei Männer und Heiratsmigranten eher eine Abwanderungsneigung zeigen.  Bei den Hochschulabsolventen der zweiten Generation etwa beträgt der Anteil 25 %, bei den Schüler*innen, Auszubildenden oder Studierenden bei 11,4 %.  Da es nur Absichten sind, verringert sich der Anteil bei denjenigen mit konkreten Schritten. Der Anteil steigt jedoch bei Arbeitsuchenden oder (subjektiv) wahrgenommen Diskriminierungserfahrungen. 

Grundsätzlich steigt die Mobilitätsbereitschaft, je höher der Qualifikationsgrad ist. Für die gestiegene Abwanderung von türkischstämmigen Hochqualifizierten, dazu zählen sowohl Hochschulabsolventen als auch Meister und Techniker, gibt es drei zentrale Gründe. Erstens zieht die positive Entwicklung von Arbeitsmarktperspektiven in der Türkei weltweit besonders türkischstämmige Hochqualifizierte in ihr Herkunftsland. In der Türkei gibt es etwa 37.000 Auslandskapitalfirmen, davon ca. 6.000 aus Deutschland. Ein Großteil dieser Unternehmen konzentriert sich auf die Marmararegion im Westen und den Großraum Istanbul, die für die potentiellen Abwanderer attraktive Lebensbedingungen bieten. Auch das bilaterale Handelsvolumen zwischen Deutschland und der Türkei stieg 2013 auf 38 Mrd. USD an, wodurch zunehmend gut qualifiziertes Personal aus Deutschland gefragt ist. 

Zweitens ist eine gestiegene, vielleicht auch subjektiv wahrgenommene, Diskriminierung im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten. Zugleich wird die öffentliche Debatte um Teilhabe, Integration und Migration eher defizitorientiert geführt. Gefördert wird sie auch durch das angestiegene Bildungsniveau und der daraus folgenden Forderungen, gleichberechtigt an gesellschaftlichen Ressourcen teilzunehmen. Die knapp viermal höhere Arbeitslosigkeit unter türkischstämmigen Hochschulabsolventen begründet sich u.a. auch in der strukturellen Benachteiligung beim Zugang in den Arbeitsmarkt. Die Frustration steigt, da sie in Deutschland sozialisiert und trotz Hochschulabschluss und Fachkräftemangel dennoch arbeitslos sind. Daher suchen sie ihr Glück in der Türkei.  

Drittens nutzen sie die Möglichkeit, wenn auch temporär, im für sie bekannten kulturellen Umfeld eine sog. Auslandserfahrung zu machen. Sie sind auf sich alleine gestellt, wollen sich persönlich entfalten, ihre Sprachkenntnisse verbessern und Lebenserfahrung sammeln. Daher kehren auch viele nach einigen Jahren Erfahrung im Herkunftsland in ihr Sozialisationsland zurück.

Frage: Warum macht sich Ihr Verein für ein Auslandsstudium bei seinen Mitgliedern stark? 

Aver: Ein Auslandsstudium ist ein sehr geeignetes Instrument der Persönlichkeitsentwicklung, zur Verbesserung von Sprachkenntnissen, zur Förderung von Netzwerkbildung, Eigenständigkeit und Flexibilität. Unternehmen legen neben Zeugnissen großen Wert auf Soft Skills, die damit erworben werden können. Vor diesem Hintergrund motivieren wir nicht nur unsere Mitglieder, sondern alle Studierende, im Ausland ein Studium oder Praktikum zu absolvieren. 

Süğür: Wenn allerdings Interessierte die Türkei vorziehen, dann empfehlen wir ihnen, in einem anderen Land noch zusätzlich ein Auslandsstudium zu absolvieren. Personaler schätzen den Auslandsaufenthalt im Herkunftsland nicht so hoch ein. Deshalb sollten türkischstämmige Studierende sowohl in der Türkei als auch in einem anderen Land ihre Erfahrungen machen, um dadurch ihre Chancen beim Arbeitsmarktzugang gegenüber ihren Mitbewerbern zu erhöhen.

Frage: Gibt es persönliche Erfahrungen mit dem Auslandsstudium?

Süğür: Ja, ich war im Auslandssemester an der University of California, Santa Barbara. An der Westküste Amerikas durfte ich ein halbes Jahr studieren und das Leben aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachten. Abgesehen von der fachlichen Herausforderung an einer neuen Universität war die Vorbereitung und das Leben vor Ort eine für immer prägende Erfahrung. Von der ersten E-Mail-Korrespondenz mit der neuen Uni, über die Wohnungssuche bis zur endgültigen Abreise und Ankunft vor Ort waren die Aufregung und das ungewohnte Gefühl des Neuen groß. Sobald man aber vor Ort ist, verfliegt der gesamte Stress und man kommt sehr schnell in dem Alltag des neuen Zuhauses an. Sprache, Umgang oder Kultur sind dann Themen, die völlig selbstverständlich in Fleisch und Blut übergehen, sodass auch die eigene Persönlichkeit unmittelbar daran wächst. Während meines Aufenthalts bin ich so oft und so viel gereist wie kein anderes Mal seitdem und denke auch, dass dies eine der Hauptargumente für ein Auslandsaufenthalts während des Studiums ist: Unbedingt machen, später im Leben bekommt man die Gelegenheit nicht mehr so einfach. 

Frage: IEC und TD-Plattform werden in Zukunft gemeinsam Informationsveranstaltungen zum Thema Auslandsstudium durchführen: Wo ist die Premiere? 

Aver: Wir sind eine Kooperation eingegangen, da wir uns gegenseitig mit unseren Leistungen und Kompetenzen sehr gut ergänzen können. Vereinbart wurden gemeinsame Veranstaltungen an mehreren Universitäten in Deutschland, deren Premiere vermutlich in Berlin sein wird.

Haben Sie Fernweh bekommen?

Falls Sie sich für ein Auslandsstudium interessieren, wenden Sie sich an IEC - International Education Centre: Das IEC Beratungsteam bietet Ihnen einen kostenlosen Beratungs- und Bewerbungsservice für das Auslandsstudium. Kontaktieren Sie uns online oder schreiben Sie uns eine E-Mail an info[at]ieconline.de 

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