Erfahrungsbericht: Sonja Forderer

Sonja Forderer
„Man sollte früh mit den Vorbereitungen anfangen. Wenn man Probleme hat, steht einem die Tür bzw. die Telefonleitung beim IEC immer offen, einfach anrufen und nachhaken, fragen und dann wird das schon. “

Croeso! sagt man in Wales zu Fremden - die Übersetzung ist „Willkommen!“

Mein Name ist Sonja, 23, und ich studiere im Study-Abroad-Semester (Auslandssemester) für ein halbes Jahr im Departement of Mathematics and Physics den Studiengang Mathematik. In Deutschland studiere ich das Fach Biomathematik am RheinAhrCampus in Remagen. Biomathematik würde ich unter dem Begriff der Angewandten Mathematik einordnen.

Warum habe ich mich für ein Auslandssemester entschieden?

Neben den Standardantworten, dass ich eine neue Kultur samt dem Leben in einer fremden Sprache zu entdecken, war mein Hauptantriebspunkt das Kennenlernen der Mathematik auf Englisch. Alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind auf Englisch und es ist gut schon zu Beginn der eigenen mathematischen Karriere mit einigen der gängigsten Begrifflichkeiten in Berührung zu kommen und zu lernen was hier so anders bzw. wie es überhaupt aufgeschrieben wird. Wenn man nichts anrechnen lassen kann dann ist das Auslandssemester eine schöne Möglichkeit sich mathematisch zu entfalten und auszutoben, komplett ohne Druck studieren.

Ein Auslandssemester im Fach Mathematik mag vielleicht auf den ersten Blick etwas seltsam erscheinen aber mittlerweile greifen doch recht viele Universitäten diese Möglichkeit auf. Teilweise wird für den Masterstudiengang ein Auslandssemester oder eine gleichwertige praktische Tätigkeit vorausgesetzt. Da ich mir einen eben solchen Masterstudiengang belegen möchte, kann ich mit dem Auslandssemester diese Voraussetzung erfüllen. Nebenbei lege ich einen wichtigen Grundstein in meiner eigenen Entwicklung, mit dem netten Nebeneffekt mittlerweile fließend Englisch zu können.

Unterschiede zu Deutschland

Es gibt doch einige Unterschiede zu meiner kleinen süßen FH in Deutschland. So sitze ich hier im 2nd year mit bis zu 84 anderen Leuten in einer Mathevorlesung. Und das sind schon einige. Im 3rd year (ich stecke so halb in beidem) sind es, weil es ein kleinerer Jahrgang ist, runde 40 Leute. An meiner Heimatfachhochschule habe ich mit etwa 40 Leuten angefangen und sitze in manchen Vorlesungen maximal zu fünft. Als ausländische Studierende hier kennen einen die Dozenten aber viele der Studenten bleiben auch einfach unauffällig, wobei die Dozenten doch ein sehr gutes Gedächtnis haben und sich zumindest an die Gesichter erinnern.

Die Studieninhalte gleichen sich eigentlich. Man hat in diesem Studiengang doch den Vorteil, dass ein x im Deutschen auch ein x im Englischen ist und sich nicht plötzlich ändert. Was jedoch grundlegend anders ist, sind die Begrifflichkeiten außen herum. Die ersten zwei Wochen waren eine Herausforderung bis man zum Beispiel die statistischen Begriffe auf Englisch mit dem jeweiligen deutschen Pendant in Verbindung gebracht hat, aber danach gewöhnt man sich sehr schnell daran. Der Höhepunkt ist dann, wenn man einen Fehler an der Tafel findet und weiß, dass man alles verstanden hat und keine Probleme hat alle Übungsaufgaben zu lösen. Wie in Deutschland kann man auch Fragen stellen, was ich hier aber doch weniger tue. Gerade im 2nd year erklärt sich alles von selbst; vieles ist für mich Wiederholung, vor allem in der Statistik.

Manchmal kämpfe ich dann gegen Langeweile an. Im 3rd year muss man schon knabbern, aber wenn man sich ein wenig hinsetzt, dann geht das. Ich lerne hier eine weitere Vorlesung parallel im Selbststudium, einfach weil ich sie als Voraussetzung brauche. Zeit hat man genug. Apropos Zeit: Die Unterrichtsstunden dauern hier nur 50 Minuten; eine enorme Umstellung und ehrlicherweise ein Nachteil im Gegensatz zu Deutschland. Die mathematische Tiefe geht nicht unbedingt verloren, aber man kann sich nicht so schön an einem Problem festbeißen wie es in längeren Stunden auch einmal funktioniert.

Meine Dozenten sind alle sehr nett. Es gibt eigentlich keinen, mit dem ich nicht zurechtkomme oder der nicht offen für Fragen oder Anregung ist. Übungsblätter werden korrigiert, es gibt Problem Classes und man ist als Student nicht alleine und kann sich immer Hilfe suchen. Das ist eine sehr gute Einrichtung was gerade unter den Mathematikern eine schöne Sache ist. Die mathematische Gemeinschaft ist doch um einiges kleiner als andere Studiengänge hier, so dass man nicht untergehen kann; in anderen Studiengängen ist man manchmal nur eine Nummer, ich denke an Politik oder Psychologie.

Accomodation: Wohnen in Aberystwyth als Studentin

Nun ein bisschen zum Leben hier. Ich wohne in Pentre Jane Morgan, auch PJM genannt, das ist ein Studentendorf wo jeweils neun Studenten in einem Haus zusammen leben, in Einzel- aber auch Stockbettzimmern. Organisation ist alles, sodass jeder seinen Teil zum Gemeinwohl beitragen kann wie zum Beispiel Putzplan und so weiter. Das Leben hier im Haus ist sehr interessant, die Uni achtet auch darauf, dass die ausländischen Studierenden nicht zusammen in ein Haus kommen, sich also keine Kleingruppen bilden können. Als internationale Studentin habe ich die Garantie, dass ich in einer der Unterkünfte der Universität wohnen darf. Das ist nicht selbstverständlich unter den 9000 Studenten in Aberystwyth. Es ist aber richtig schön und auch auf solche Dinge wie Allergien, Behinderungen und dergleichen wird Rücksicht genommen. Wenn man will, kann man sich aber klar auch was alleine im privaten Sektor suchen, was allerdings viel Zeit und sicherlich auch mehr Geld in Anspruch nimmt.

Aberystwyth als Studienort

Die Stadt ist einfach wunderschön. Packt die Kamera ein! Direkt an der Küste gelegen mit einem regen Nachtleben (kein Wunder bei der Masse an Studenten) und vielen netten Möglichkeiten drum herum. Aberystwyth ist die größte Stadt hier in der Umgebung. Nach Birmingham sind es doch gute dreieinhalb Stunden mit dem Zug. Das macht aber nichts aus; Langeweile kommt hier nicht auf. Die Student‘s Union hat sehr viele Veranstaltungen, das Arts Center an der Uni bietet nahezu jeden Abend die verschiedensten Sachen aus Film, Theater, Musik, Tanz usw. Man muss sich nur ein Ticket kaufen und schon kann man Kultur genießen oder mit seinen Freunden in die Stadt gehen und Spaß haben, Pubs und Diskotheken gibt es genug. Bringt euren Personalausweis mit, ihr werdet ihn brauchen. Unter 18 bzw. ohne ID wird es schwer irgendwo zur Tür reinzukommen. Sicherheit wird hier großgeschrieben und auch umgesetzt.

Ich spreche eine uneingeschränkte Empfehlung für die University of Aberystwyth aus! Man muss sich im Klaren sein, dass man sich auch mal selbst hinsetzen muss und lernen, aber dass auch genug Zeit bleibt, das Leben, Leute und Sprache hier zu genießen. Englisch im Voraus gut sprechen zu können ist auf jeden Fall hilfreich und kann nicht schaden, die Leute hier sind aber alle sehr freundlich und helfen wenn es mal mit den Wörtern hapert. Mathematisch sollte man schon einigermaßen fit sein und die grundlegenden Sachen verstanden haben und immer darauf zugreifen können, dann wird der Einstieg einem sehr leicht fallen.

Zum Bewerbungsprozess für ein Auslandssemester an der Aberystwyth University

Jeder, der sein Auslandssemester an der Uni in Aber verbringen möchte, sollte früh mit den Vorbereitungen anfangen. Speziell das Auslandsbafögamt braucht Ewigkeiten! Also immer fleißig alle Dokumente schicken und sich früh (!) vorbereiten, dass dann auch alles läuft. Wenn man Probleme hat steht einem die Tür bzw. die Telefonleitung beim IEC immer offen, einfach anrufen und nachhaken, fragen und dann wird das schon. Einfach das Herz in die Hand nehmen und sich an der Uni über den IEC bewerben. Ehe man sich versieht ist man in seinem Study-Abroad-Semester und hat eine richtig schöne Zeit, an die man immer zurückdenken kann! Ich hoffe, ich konnte einige begeistern, sodass man euch auch bald mit „Croeso!“ begrüßen kann!

Blick auf Aberystwyth
Blick auf Aberystwyth