Erfahrungsbericht: Michael Olscher

Michael Olscher
„Es waren unbestritten einige der besten Monate meines Lebens!“

Studieren im Paradies – Mein Auslandssemester auf Bali

Erfahrungsbericht

Vorwort – Wie jetzt, Studieren auf Bali?!

Die erste Reaktion, wenn Leute von meinem Vorhaben erfahren haben, war immer die Gleiche: Ein leichtes Schmunzeln und das Wort „Auslandssemester“ wurde sofort in „Urlaubssemester“ umgedichtet. Aber wer sollte es ihnen verdenken, man assoziiert Bali natürlich eher mit traumhaften Stränden, braungebrannten Touristen und knackigen Surfern als mit Elite-Unis und strebsamen Studenten. Mir wäre es mit Sicherheit ähnlich ergangen, hätte ich mich vorher nicht intensiver mit dem Thema Studieren auf Bali auseinandergesetzt.

Apropos Elite-Uni, ich habe an der Universitas Udayana in Denpasar, der Hauptstadt Balis, studiert. Sie ist die größte und modernste Universität Balis und hat ungefähr 22.000 Studierende. Natürlich ist diese Universität nicht als Elite-Uni anzusehen und ich wusste anfangs nicht welches Studienniveau mich dort erwarten wird, jedoch waren mir persönlich die Erfahrungen und Erlebnisse, die man im Ausland sammeln kann viel wichtiger als die vermittelten Lehrinhalte.

Das Auslandssemester habe ich über die Austauschorganisation Asia Exchange organisiert, Studienbeginn war der 01.09.2015 und bot 253 internationalen Studenten aus 16 Ländern die Möglichkeit verschiedenste englischsprachige Kurse an der Universität zu belegen.

Ich habe mich für folgende Module eingeschrieben:

  • Economy and Business of South East Asia
  • Business Law and Legal Tradition on Trade and Investment
  • Indonesian Language
  • International Business
  • Global Marketing
  • International Accounting and Finance

Die ersten Tage auf Bali: Eat, Pray, Love – oder so ähnlich!

Wer Bali nur aus dem Film oder aus Reisekatalogen kennt, wird, sobald man am Flughafen in Denpasar angekommen ist, ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn das Erste was man sieht sind nicht die traumhaften Strände, die prachtvollen Tempelanlagen und die wunderschönen Reisfelder. Im Gegenteil, eine schier nie enden wollende Blechlawine, bestehend aus Scootern, Autos und LKW, der Geruch von Abgasen, Smog und verbranntem Müll, gepaart mit den hohen Temperaturen und der extremen Luftfeuchtigkeit haben mich getroffen wie ein Schlag ins Gesicht. Der gute, alte Kulturschock hat auch vor mir nicht Halt gemacht. Völlig übermüdet vom Flug wollte ich erstmal nur noch in meine Unterkunft kommen, der Taxifahrer kannte zum Glück den Weg. Alle weiteren Kommunikationsversuche sind gescheitert, denn er sprach kein Wort Englisch und so bahnten wir uns schweigend, aber stets lächelnd unseren Weg durch das Verkehrschaos zu meiner Unterkunft und ich dachte nur: „Hier willst du wirklich 4 Monate lang studieren!? Egal, erstmal schlafen, morgen wird alles besser!“

Gesagt, getan – nach 10 Stunden Schlaf war ich wieder topfit und habe erstmal mein neues Zuhause erkundet. Ich habe in einer kleinen Ferienanlage in Jimbaran gewohnt, je nach Verkehr ca. 40 Minuten südlich der Hauptstadt Denpasar. Hier gibt es Bungalows, schicke Zimmer und kleine Villen, sowie ein Warung (indonesischer Imbissstand) und 3 Pools. Die meisten Gäste sind Studenten oder Touristen, aber auch ein paar Einheimische, demnach war es nicht schwer die ersten neuen Bekanntschaften zu schließen.

Der Kulturschock war schon nach 2 Tagen überwunden und seitdem gefiel es mir immer besser. Als nächstes habe ich mir einen eigenen Roller gemietet, denn wie man hier so schön sagt „No Scooter – No Bali!“. Es ist einfach der schnellste und beste Weg von A nach B zu kommen, außerdem macht es absolut Spaß die Insel so auf eigene Faust zu erkunden. Aber es ist eben auch ziemlich gefährlich, gerade für Leute die noch nie Roller gefahren sind. Als erstes wäre da der Linksverkehr, an den man sich aber ziemlich schnell gewöhnt. Viel schlimmer ist tatsächlich der Verkehr an sich. Verkehrsregeln existieren scheinbar nicht und falls doch, dann hält sich keiner daran. Alles was möglich ist und einen schneller voran bringt wird gemacht. So hatte mich eines Tages zum Beispiel eine komplette Familie, bestehend aus 2 Erwachsenen, 3 Kindern, einem Huhn und einem kleinen Hund grinsend und hupend auf dem Bürgersteig überholt – Willkommen in Bali.

Das Studium

Der Unialltag gestaltete sich natürlich auch komplett anders als in Deutschland. Mit vier Tagen Vorlesung pro Woche war ich schon einer der fleißigeren Studenten. Viele Kommilitonen hatten, je nach Kurswahl, nur 3 Tage Vorlesung und dementsprechend kam die Freizeit nicht zu kurz. Die Qualität der Vorlesungen war ziemlich unterschiedlich. Manche Professoren waren wirklich bemüht, den Stoff spannend und abwechslungsreich zu vermitteln, während man bei Anderen die ganze Zeit damit zubrachte die lieblos gestalteten PowerPoint-Präsentationen abzulesen und die größte Sorge darin bestand, dass der Akku vom Smartphone die scheinbar nie enden wollende Vorlesung übersteht. Aber wie gesagt, man kann nicht alle über einen Kamm scheren, auch in Deutschland gibt es „gute“ und „schlechte“ Professoren, soweit man sich als Student überhaupt ein Urteil darüber erlauben kann. Mir persönlich haben die Vorlesungen in „Business Law and Legal Tradition on Trade and Investment“ am besten gefallen und ich konnte dort viel über indonesische Gesetze, Geschichte und Investitionsmöglichkeiten in Südostasien lernen. Ansonsten kam mir die Organisation einiger Professoren manchmal wie eine Art Improvisationstheater vor, ständig änderten sich Vorlesungs- und Exkursionspläne, kurzzeitige Stromausfälle mussten überbrückt werden und Vorlesungen wurden mal eben durch Hausarbeiten ersetzt. Um zu den Abschlussprüfungen zugelassen zu werden musste man mindestens eine Anwesenheit von 75% über den gesamten Zeitraum erreichen, dies wurde auch streng kontrolliert und somit wurde sichergestellt, dass die Studenten auch regelmäßig die Vorlesungen besuchten. Bei den zahlreichen Ablenkungen, welche in Bali an so ziemlich jeder Ecke lauern, erachte ich diese Vorgehensweise als durchaus berechtigte und notwendige Maßnahme. Die Exkursionen, welche meist Donnerstag am Nachmittag stattfanden waren meist sehr interessant. Wir haben verschiedene, andere Campus besucht und konnten uns so besser mit den einheimischen Studenten austauschen, wir haben uns traditionelle Gebäude und Tempelanlagen angeschaut, haben viel über die Traditionen und Geschichte in Bali und Indonesien gelernt. Sogar bei einer Beerdigung eines ranghohen Dorfmitglieds durften wir beinwohnen, was eine ziemlich eindrucksvolle Erfahrung war, da die Menschen hier ganz anders mit dem Tod umgehen. Im Großen und Ganzen war ich mit den Vorlesungen und dem Studienprogramm an sich sehr zufrieden. Die Qualität und das Bildungsniveau in Indonesien sind etwas geringer anzusetzen, als beim Studium in Deutschland, jedoch war mir das vorher bewusst, das sollte meiner Meinung nach jedoch keinen von einem Auslandssemester in Indonesien abhalten. Ich habe trotzdem während des Studiums und auch außerhalb der Vorlesungen sehr viel gelernt, sowohl fachlich als auch für meine persönliche Entwicklung.

Das Studentenleben

Neben dem Studium bietet Bali unzählige Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten jeglicher Art. Zu den Beliebtesten unter den Studenten zählte natürlich das Surfen, für das Bali schließlich weltbekannt ist. Doch auch alle anderen kamen auf ihre Kosten. Zusammen mit meinen Freunden habe ich fast jedes Wochenende etwas anderes unternommen. Zu den Highlights zählten dabei unter anderem: die Besteigung des Mount Rinjani auf Lombok, Schnorcheln mit Meeresschildkröten und Manta Rochen, Besuche bei unzähligen, traumhaften Wasserfällen und eine Wildwasser-Rafting-Tour mitten durch den Dschungel. Eine besondere Ehre wurde uns beim Besuch des „Banyuwangi Ethno Karnevals“ auf Java zuteil, zu dem wir von Regierungsoffiziellen der Region eingeladen wurden und sogar in traditionellen Kostümen an der Parade, vor ca. 20.000 Zuschauern aufgetreten sind. Ansonsten glänzt Bali einfach durch seine unbeschreiblich schöne Natur. Malerische Reisefelder, Strände und Wasserfälle, gepaart mit der Gelassenheit und Freundlichkeit der Balinesen, machen die Insel der 1000 Tempel zu einem der schönsten Orte, die ich bisher in meinem Leben besuchen durfte. Umso dankbarer bin ich, dass ich eine so lange Zeit auf dieser Trauminsel verbringen konnte.

Mein Fazit

Vier Monate voller Abenteuer, neuer Freunde aus aller Welt, Villa-Partys, traumhafter Strände und unvergesslicher, kultureller Eindrücke. Aber auch im Paradies scheint nicht jeden Tag die Sonne und damit meine ich nicht nur das Wetter. Ein erschreckendes Maß an Armut, Korruption, mangelndem Zugang zu Bildung, enormer Umweltverschmutzung und Kriminalität haben mich ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Teilweise surreal erscheint mir auch jetzt noch der extreme Kontrast zwischen den reichen Touristen in ihren Resorts, die binnen Sekunden den Jahreslohn eines Durchschnittsverdieners in Bali ausgeben und eben jenen, denen es schon an essenziellen Dingen, wie Nahrung, Unterkunft und Kleidung mangelt. Aber letztlich sind es eben auch jene Touristen, die Geld in diese Region und mit dem Geld auch Chancen für die arme Bevölkerung bringen, die Möglichkeit auf ein besseres Leben.

Ich würde die Zeit auf Bali keineswegs missen wollen, daran ändert auch die korrupte Polizei nichts, die mich so einige Male angehalten hat, um mir das Geld aus der Tasche zu ziehen, obwohl ich nichts falsch gemacht habe. Hier haben mich jedoch die obligatorischen Indonesisch-Stunden in der Universität meist vor Schlimmerem bewahrt. Ein freundliches: „Saya mahasiswa di Universitas Udayana“ (Ich bin Student an der Udayana Universität) haben mich oftmals vor einer ungerechtfertigten Geldstrafe gerettet, da Studenten in Indonesien sehr hoch angesehen sind. Schon bald war auch die Korruption einfach ein fester Bestandteil des Insellebens auf Bali. Jedenfalls wusste ich ziemlich schnell, was einer der Professoren zu Beginn damit meinte, als er sagte: „Es gibt keine Korruption in Bali, das ist alles Teil der Kultur.“

Im Großen und Ganzen empfinde ich das Auslandssemester als vollen Erfolg für mein Studium, aber vielmehr für meine Persönlichkeit und ich kann nur jedem dringend dazu raten für ein paar Wochen oder Monate ins Ausland zu gehen. Egal wohin, egal wieso, egal wie lange. Letztlich wird man immer um ein paar Erfahrungen reicher. Auch wenn diese nicht immer positiv sind, so sind es trotzdem wertvolle Erfahrungen und das einzig Wichtige ist, sich selbst diese zunutze zu machen und etwas Positives für sich herauszufiltern.

Jetzt, am Ende meines Auslandssemesters möchte ich mich vor allem bei allen bedanken, die mich bei meinem Auslandssemester unterstützt haben, egal ob finanziell oder in irgendeiner anderen Form. Ohne das Zusammenwirken verschiedener Institutionen und Personen wäre mir diese einmalige Erfahrung womöglich verwehrt geblieben. Deshalb gilt mein größter Dank dem Bafög-Amt, sowie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst für das Stipendium, den netten und stets hilfsbereiten Damen vom akademischen Auslandsamt der HTWK Leipzig und dem Förderverein der HTWK Leipzig, sowie Freunden und Familie. Eine große Bereicherung für mich persönlich war auch das durchweg positive Feedback für das Schreiben meines Online-Blogs (www.studierenimparadies.wordpress.com). Nicht nur das es eine schöne Erinnerung für mich selbst ist, ich war vor allem verwundert wie viele Personen sich auf diese Seite „verirrt“ haben. Stand 03.01.2016 waren es unglaubliche 10.004 Klicks von Menschen aus 41 Ländern, größtenteils Deutschland, Schweiz, Indonesien und Finnland, aber auch aus Nepal, Katar und Estland. Ich habe ebenfalls viele Anfragen von Studenten erhalten, die ebenfalls gern ein Semester in Indonesien bzw. Südostasien studieren möchten, sich aber noch nicht ganz sicher waren. Es war mir eine große Freude diesen Leuten weiterhelfen zu können und das werde ich natürlich auch in Zukunft versuchen so gut wie möglich weiterzuführen.