Erfahrungsbericht: Dario Schmidt

„Abschließend kann ich nur sagen, dass meine Entscheidung nach Kanada an die Vancouver Island University zu gehen, eine der besten Entscheidungen meines Lebens war.“

Vorbereitung

Meine Gründe, mein Auslandssemester in Kanada zu absolvieren, waren vielfältig:
Persönlich wollte ich schon immer nach Nordamerika, als Eishockey Fan und durch Empfehlungen von Freunden fiel die Wahl auf Kanada. Die Universität wurde mir von einem Kommilitonen, Kay Munkwitz, empfohlen, der im vorigen Semester dort war. Ich hatte auch eine Zusage von der Siam University in Bangkok, habe mich dann aber für Kanada entschieden, vor allem weil die Qualität der Lehre im Vergleich deutlich besser sein soll.

Durch einen Vortrag, der vom Bereich „Internationales“ der Viadrina organisiert wurde, kam ich in Kontakt mit IEC Online, einer Beratungsagentur, die Studenten an diverse ausländische Universitäten vermittelt. Nach einem persönlichen Gespräch mit der mir zugeteilten Beraterin, habe ich alle geforderten Unterlagen, z.B. ein Motivationsschreiben, Zwischenzeugnisse, einen Nachweis meiner Englischkenntnisse und einen Lebenslauf eingereicht und die Agentur hat diese für mich an die Universität weitergeleitet. Gleichzeitig habe mich bereits zu diesem Zeitpunkt um Förderung durch das Auslands-Bafög gekümmert. Die Zusage der Universität kam ungefähr zwei Wochen nach meiner Bewerbung. Allerdings war die Zusage an die Bedingung gekoppelt, dass ich die geforderten Studiengebühren in Höhe von mehr als 5000 € innerhalb von 2 Wochen bezahle.

Glücklicherweise waren meine Eltern in der Lage diese Summe vorzustrecken, da das Amt für Ausbildungsförderung Thüringen, das für die Bearbeitung meines Bafög-Antrages zuständig war, zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal den Eingang meines Antrags bestätigen konnte. Als nächstes stellte sich die Frage, wo ich während des Auslandsaufenthaltes wohnen würde. Die kanadische Universität bietet, neben den klassischen Wohnheimen, auch die Möglichkeit für die Dauer des Aufenthalts bei einer kanadischen Familie - quasi zur Miete - zu wohnen. Ich habe diese Möglichkeit ergriffen und wie sich später noch herausstellen sollte, eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

Anreise

Am 26. August, knapp eineinhalb Wochen vor dem Semesterstart ging es von Berlin Tegel über Amsterdam nach Vancouver. Geflogen bin ich mit der holländischen Fluggesellschaft KLM und durch frühzeitige Buchung konnte ich für unter 1000 Euro hin und zurück fliegen. Vom Flughafen ging es dann mit der Bahn ins Stadtzentrum und von dort mit dem Bus bis zu Fähre. Nach fast 16 Stunden Reise kam ich dann in Departure Bay in Nanaimo an. Der Bereich „ Internationales“ meiner Austauschuniversität hatte mir sogar eine Transportmöglichkeit bis zur Haustür meiner Gastfamilie organisiert.

Universität

Ich habe 3 Kurse an der Vancouver Island University belegt. MGMT 323 International Business, Mark368 International Marketing und MGMT 496 Strategic Management Issues. Grundsätzlich muss man sagen, dass der Unterricht an der Vancouver Island University schon deutlich anders aufgebaut ist als an der Viadrina. In allen Fächern gab es nicht nur eine Prüfung am Ende des Semesters, sondern zusätzlich mindestens eine Zwischenprüfung in der Mitte des Semesters. Außerdem gab es immer mindestens ein Gruppenprojekt, das teilweise ebenso wichtig für die Endnote ist. Des Weiteren kann der Dozent so viele kleinere multiple–choice Zwischentests ansetzen wie er möchte, und bei einigen Dozenten wird auch die Mitarbeit gewertet. Man muss also vom ersten Tag an sich für die Tests vorbereiten und nach meiner Erfahrung bleibt der Leistungsdruck während des Semesters konstant hoch, jedenfalls, wenn man sehr gute Noten erreichen möchte.

Die Universität unterstützt Austauschstudenten mit einer Reihe von Einrichtungen, wie dem allgemeinen Beratungsservice, dem Schreibzentrum oder auch mit wöchentlich stattfindenden Kursen, die einem bei Rechercheaufgaben oder ähnlichem die Arbeit deutlich vereinfachen.

Am Donnerstag vor dem offiziellen Vorlesungsbeginn fand noch eine dreitägige Orientierung statt. Teils für alle neuen Studenten an der Universität, und teils speziell für Austauschstudenten. Besonders empfehlenswert ist der Vortrag über die speziellen Besonderheiten des kanadischen Rechtssystems, welches sich durchaus vom deutschen unterscheidet. Der Vortrag klärt sehr gut über die Rechte auf, die man als Austauschstudent hat und zählt einige Dinge auf, die in Kanada, anders als in Deutschland nicht erlaubt sind, so zum Beispiel der Konsum von Alkohol in der Öffentlichkeit.

International Business
Dieser Kurs hat sich mit den elementar wichtigen Elementen des internationalen Handels und von Unternehmensentscheidungen beschäftigt. Unter anderem wurden Markteintrittsstrategien, internationale Wettbewerbstheorie, Handelstheorie, multinationale Unternehmensstrukturen, Wechselkursänderungen und deren Auswirkungen, ausländische Direktinvestitionen vorgestellt und analysiert.
Im Nachhinein finde ich, war dieser Kurs wahrscheinlich der wichtigste für mich. Bevor ich nach Kanada ging; gab es viele Bereiche/Begriffe der Betriebswirtschaftslehre, die für mich mehr oder weniger ein schwierig einzuordnen; und die ich untereinander - nicht miteinander - verbinden konnte. Dieser Kurs hat mit einem Großteil meiner Unwissenheit bezüglich der verschiedenen Begriffe in der Betriebswirtschaft, die in der Arbeitswelt nicht nur alltäglich sind; sondern auch elementar wichtig sind, aufgeräumt. Ich kann diesen Kurs also nur empfehlen.

International Marketing
Dieser Kurs hat sich mit den Gelegenheiten und Problemen von Firmen beschäftigt die entstehen, wenn Export oder Import Entscheidungen getroffen werden müssen oder in andere Länder oder Kulturen expandiert werden soll. Außerdem wurde das jeweilige politische, rechtliche, technologische, ökonomische, kulturelle und wettbewerbsmäßige Umfeld einiger zentraler Märkte von internationaler Bedeutung untersucht. Des Weiteren wurden die Eigenschaften der 4P’s (Product, Price, Placement, Promotion) um die Besonderheiten des internationalen Marketings erweitert. Konkret wurde in einem großen Gruppenprojekt ein ausländisches Produkt fiktiv in den kanadischen Markt eingeführt. Unsere Aufgabe war es, eine fundierte Analyse der 4P’s für dieses Produkt durchzuführen und Handlungsmöglichkeiten und Alternativen für die herstellende Firma vorzuschlagen, genauso wie eine abschließende Meinung über die Erfolgschancen des Produkts.
Meiner Meinung nach ist dieser Kurs ein Pflichtkurs für alle, die sich in Richtung Marketing und/oder Management spezialisieren wollen. Der Kurs bietet interessante Einsichten in die Unterschiede, die zwischen einzelnen Kulturen existieren und vermittelt das nötige Handwerkszeug, um trotz der teils immensen Hürden, ein Produkt erfolgreich in neuen Märkten zu platzieren.

Strategic Management Issues
Der Kurs hat sich mit strategischer Unternehmensführung beschäftigt. In der Vorlesung wurden theoretische Konzepte und Zusammenhänge vorgestellt, um mithilfe diverser Analyse-Tools die Stärken und Schwächen des eigenen Unternehmens zu identifizieren und die Fähigkeiten konkurrierender Marktteilnehmer einzuschätzen. Außerdem wurden auch Konzepte zur langfristigen Planung des eigenen Unternehmenserfolges vorgestellt. Gegen Ende des Semesters wurden die Modelle dann noch um eine Dimension erweitert, denn durch sich stetig ändernde Umstände muss jede Planung stetig nach neuen Umständen/Zuständen angepasst werden. In den wöchentlichen Seminaren waren diese Modelle dann sofort gefordert. In einer großen computerbasierten Simulation mussten wir Gruppenweise gegeneinander antreten, um unser fiktives Unternehmen zum Erfolg zu führen. Dabei mussten wir entscheiden, ob wir Differenzierungs- oder Kostenführerschaftsstrategien verfolgen, wann und in welche Länder wir welche Produkte exportieren, wie viel wir für neue Produktentwicklung ausgeben, die Produktionskapazität und die Löhne mussten im Auge behalten werden. Schließlich mussten wir unsere Maßnahmen finanzieren, ob über Anleihen oder Aktien, mit den jeweiligen Konsequenzen. Natürlich mussten wir auch auf externe Einflüsse wie Konjunkturabschwächungen oder die politischen Entwicklungen verschiedener Regionen achten. Am wichtigsten war allerdings der Umgang mit den anderen Gruppen oder konkurrierenden Unternehmen, denn deren Handlungen beeinflussten maßgeblich den eigenen Unternehmenserfolg. Die Simulation war derart komplex, dass unser Dozent klar erkennen konnte, welche Gruppe sich die Konzepte und Modelle zu Nutze gemacht hat und ihre geplante Strategie durchgeführt hat, und wer nur wild drauf los entschieden hat. Dazu musste jede Gruppe diverse kleinere Seminararbeiten während des Semesters abgeben, diese waren an die Simulation gekoppelt, so musste man z.B. fiktiven Aktionären (in diesem Fall die anderen Kommilitonen) auf einer Hauptversammlung die Zahlen und Prognosen der vergangenen und zukünftigen Jahre präsentieren.

Alles in allem ein außergewöhnlicher Kurs. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich bislang in keinem Kurs so viel gelernt habe, allerdings ist der Arbeitsaufwand auch enorm hoch. Zusätzlich zu den wöchentlichen zwanzig Seiten Arbeiten und den Unternehmensentscheidungen und den Gruppentreffen kamen noch 3 Prüfungen. Trotzdem kann ich nur empfehlen, diesen Kurs zu belegen, sollte man die Möglichkeit dazu haben.

Abseits der Kurse

Die Universität gibt sich wirklich Mühe, um einen Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit zu schaffen. Jede Woche finden mindestens zwei Aktivitäten, entweder auf oder abseits des Campus statt. Ob Wale Watching (sehr zu empfehlen!), Eislaufen oder einen 2-3 tätigen Ski-Trip, für Abwechslung ist auf jeden Fall gesorgt. Ich hatte da Glück mich mit meiner Mitbewohnerin so gut anzufreunden, dass ich meinen Aufenthalt sogar verlängert habe und Weihnachten bei ihrer Familie mitten in den verschneiten Rocky Mountains verbracht habe.
Abschließend kann ich nur sagen, dass meine Entscheidung nach Kanada an die Vancouver Island University zu gehen, eine der besten Entscheidungen meines Lebens war. Ich muss gestehen, dass ich noch nie so hart für die Universität gearbeitet habe und noch nie so viel pauken musste, allerdings habe ich auch noch nie in so kurzer Zeit so viel gelernt. Man sagt, dass Reisen bildet und einen wachsen lässt und dem kann ich nur zustimmen.

Falls noch weitere Fragen zu Kanada, der Bewerbung oder Nanaimo aufkommen sollten, stehe ich gerne per e-mail zur Verfügung unter Darioschmidt90[at]googlemail.com