Erfahrungsbericht: Benjamin Singer

„Ich kann die UVic wirklich nur empfehlen - Vancouver Island ist so ein schöner Fleck Erdeund definitiv einen längeren Aufenthalt wert.“

Beschreiben Sie kurz die Universität. Versuchen Sie auf folgende Punkte
einzugehen: Studienverlauf, Studienangebot, Ansprechpartner.


Die University of Victoria (UVic) liegt sehr schön, leicht hügelig, 15 Gehminuten zum
Pazifikstrand. Victoria, BC‘s Hauptstadt, selbst hat ca. 80.000 Einwohner, man befindet
sich also in einer größeren Kleinstadt, wie ich sagen würde. Die Uni, welche eine 100%-
Campus-Uni ist (extrem vorteilhaft!), liegt von Downtown gesehen am anderen Ende der
Stadt, knapp 20 Busminuten.

Die UVic ist meines Empfindens nach eine klassisch nordamerikanische, größere,
staatliche Uni. Man zahlt also sehr saftige Studiengebühren in Höhe von ganz grob
5.000€ (die Hälfte für Nicht-Ausländer) pro Semester, kann man nicht den einen Freiplatz
der FH Deggendorf ergattern. Das Auslands-BAföG übernimmt zum Glück 4.600€. Ich
durfte im WS 2012 quasi Pionierarbeit leisten, da dies das erste Deggendorf-Victoria-
Austauschsemester war, die Partnerschaft war frisch entstanden. Es gab im Vorfeld leider
Probleme an allen Ecken und Enden bzgl. der Organisation. (Ich war leider nicht der
glückliche kostenlos Studierende.) Die Probleme waren mindestens zur Hälfte jedoch auch
der UVic zuzuschreiben. Ich galt nicht als Austauschstudent sondern „Visiting Student“
bzw. „Free Mover“ (es gibt keinen „Austausch“ mit Deggendorf), was bedeutet, dass erst
mal alle Studiengebühren auf mich abfallen und absolut nichts organisiert wird (Wohnung,
Fächer...). Der Verein IEC hat mir hier definitiv geholfen, den Kontakt ins International
Office nach Kanada etwas einfacher zu gestalten. Ich bin mir aber sehr sicher, dass dies in
Zukunft über Deggendorf alles einfacher sein wird als es bei mir noch der Fall war. Vorab
kann ich jedoch schon sagen, dass sich all die Mühen in den Monaten vor September
garantiert gelohnt haben.

Der Winter-Term geht typischerweise Anfang September los und ist vor Weihnachten auch
schon wieder zu Ende, was nicht so richtig in den deutschen Semesterablauf hineinpasst.
(Es gibt noch einen Spring-Term von Anfang Januar bis Ende April - den Summer-Term
machen nur die wenigsten, hier wird unter den Studenten meist bis August
durchgearbeitet.) Vorlesungsende ist schon Anfang Dezember, die Semester sind also
noch kürzer als bei uns. Deutsche, und allgemein europäische Studenten müssen/dürfen
sich von Tag 1 an auf überraschend maximale Detail-Organisation einstellen. Das klingt
erst mal positiv, fand ich jedoch im Laufe der Zeit oft etwas einengend. Das Studium ist
extrem verschult, das einzige was es glücklicherweise kaum gab, waren
Anwesenheitspflichten. Man muss sich also komplett umstellen, wenn man
Selbstorganisation und die Freiheit des Studierens in unseren Städten gewohnt ist.
Teilweise kommt man sich wirklich wie im sprichwörtlichen Kindergarten vor. Das dürfte
jedoch an fast allen Hochschulen in den Staaten und Kanada ähnlich sein. Konkret wird
das sichtbar an Punkten wie: On-Campus-Housing (Wohnen im Studentenwohnheim -
würde ich mir gut überlegen - bin froh, es nicht gemacht zu haben), ständige
Zwischenprüfungen ab Woche 2 des Semesters, es vergeht eigentlich keine Woche ohne
irgendeinen notenrelevanten Test in einem der Fächer, was mehrtägige Ausflüge relativ
schwierig macht (auch nur offiziell 3 Tage Ferien im ganzen Semester), jede Woche
irgendwelche kunterbunten Spiel-Spaß-Werbe-Aktionen rund um den Campus. Was
diesen vielschichtigen Prüfungstypus betrifft kann ich aber nur für mich sprechen - ich
weiß, dass 99% der Kanadier genau diese Art des Studierens befürworten und
hauptsächlich Europäer daran anecken, aber selbst bei uns gibt es ja genug Leute, die
viele kleine Prüfungen einer großen Endprüfung vorziehen. Ich war jedenfalls froh, in
meinen spezifischeren Medienfächern „nur“ 2-3 Semesterprojekte anstatt der jeweils 8-12
verschieden großen Tests plus Hausaufgaben in den Geisteswissenschaften zu haben
(betrifft auch Ingenieure & Wirtschaftler).

Wie gesagt, dieser Unterrichtsstil macht die gewöhnliche Prokrastination im Gegenzug
ziemlich unmöglich, man wird automatisch zur fast täglichen Uni-Heimarbeit gezwungen.
Ich rede hier allerdings auch von einem gewissen persönlichen Notenanspruch, also als
Ziel eher nicht schlechter als B- (=2,3).

Es geht also mit 100% los, zur Halbzeit des Semesters gibt es die „Reading Break“, die
kurz vor den Midterms (sehr gewichtige Prüfung vor den Finals) zum Lernen für 3 Tage
dienen soll, wir jedoch vernünftigerweise zum Reisen genutzt haben. (3 Tage verlängert,
Wochenende vorne und hinten, macht 8 Tage Hawaii ;-) Genau das kann ich auch nur
jedem empfehlen - so billig und verhältnismäßig schnell kommt man (außer von den USA)
nicht auf den wunderschönen Inselstaat.)
Das Semester vergeht (leider) extrem schnell, die Finals rücken näher und waren in
meinem Fall auch recht günstig/früh gelegen, sodass ich mit den 4 Fächern am 10.
Dezember schon fertig war. 4 Fächer ist zugleich auch die Empfehlung (sowie das
Minimum für ein Vollzeitstudium = BAfög!) für Ausländer, hochmotivierte Jungs und Mädels machen 5. Der Aufwand pro Fach also definitiv nicht mit Deutschland vergleichbar. Die Fächer haben eigentlich durch die Bank 1,5 Credits, was bei uns 6 ECTS entspricht (wenn ich mich nicht vollkommen täusche).

Der Unicampus bietet alles „was das Herz begehrt“. Angefangen bei extrem vielseitigem,
meist kostenlos nutzbarem Sportangebot (Fußball- und Basketballstadion, viele
Sportplätze, Schwimmhalle, Fitnessstudio...), Copyshops, Kino, Handyprovider-/Apple-
Store, Bücherläden, ja sogar Ärzte, Apotheke, Postbüro und kleiner Supermarkt - man
muss den Campus wirklich nicht zwangsweise verlassen.
Typisch für die Region gibt es ganz viel Grün, hier und da rennt auch mal ein Hirsch oder
Hase über den Campus, man fühlt sich ständig wie im Wald :) Wer Outdoor-Aktivitäten
mag, ist hier ganz sicher an der richtigen Adresse. Surfen, Segeln, Klettern, Wandern,
Tauchen - all das und viel mehr geht in relativ naher Umgebung. Über Hundert
Studentenclubs organisieren außerdem alles, was man sich vorstellen kann.

Das Studienangebot ist extrem umfangreich. Ein „Visiting Student“ zu sein hat nur selten
Vorteile - an manchen Austausch-Events darf man sogar nicht mal teilnehmen (man ist ja
offiziell auch kein „Exchange“-Student...). Ein kleiner vermeintlicher Vorteil ist aber, dass
ich einfach alle Fächer frei belegen kann, sofern ich die Voraussetzungen erfülle. Bei den
Austauschleuten war das meist schon vorgewählt. Erstsemesterkurse sind somit immer
möglich, alle anderen mehr oder weniger einfach wählbar. Da ich ganz ehrlich zugeben
muss, dass mir mein Studium in Deggendorf zu 90% sehr gefällt und ich nur wenige
überflüssige bzw. nervige Fächer sehe, habe ich mich bewusst dazu entschieden, das
Auslandssemester ans Ende meiner Vorlesungszeit zu hängen, also ein zusätzliches 6.
Vorlesungssemester zu belegen. Dadurch hatte ich alle Kurse in Deggendorf schon
absolviert - bis auf zwei, aufgrund von persönlicher Entscheidung gegen die Fächer. Somit
habe ich mir zwei ähnliche Kurse in Kanada gesucht, die angerechnet werden würden
(war dank Prof. Krump das Einfachste an der ganzen Organisation im Vorfeld) und zwei
zusätzliche, fachfernere Kurse. Dies kann ich jedem sehr ans Herz legen. Ich bin froh, an
einer anwendungsorientierten FH zu studieren, wünsche mir ab und zu jedoch mehr Detail
und wissenschaftliche Tiefe. Da die UVic eine große Volluniversität ist, gibt es hier wirklich
alles, weshalb ich mir zwei weitere Fächer ausgesucht habe, die ganz und gar nicht auf
dem Curriculum in Deggendorf stehen und somit einen angenehmen Blick über den
Tellerrand bringen.

Mein kanadischer Ansprechpartner im Auslandsbüro (für Visiting Students John) hat schon im Vorfeld immer sehr rasch auf verzweifelte Emails geantwortet, und seine Mühen haben sich durchs ganze Semester gezogen. Ist man Exchange-Student, gestaltet sich alles sogar noch eine Ecke einfacher. Vom Deggendorfer International Office bekam ich die Motivation, mich überhaupt erst an der UVic zu bewerben, ich mache hier auch keinen Vorwurf, dass ich für den Rest quasi auf mich alleine gestellt war, das wird sich bestimmt in Zukunft bessern. Mit IEC habe ich mir dann eben noch eine sinnvolle Zwischenstelle gesucht, die wie eine Art entferntes Heimat-International-Office fungieren.

Wie war die Betreuung vor Ort? Wo gab es Probleme? Was muss man selbst
organisieren? Wie haben Sie Ihre Unterkunft gefunden?


Über die Betreuung vor Ort kann ich mich keineswegs beschweren. Selbst als Visiting-
Student-“Außenseiter“ kriegt man viele Emails, hat ständig Kontakt zum International
Office. Um Wohnung und Fächerwahl/-voraussetzungen, zwei elementare und große
Meilensteine, musste ich mich dann aber schon selbst kümmern. Als das nach etwa zwei
Wochen vor Ort aber auch erledigt war, gab es keine erwähnenswerten Schwierigkeiten
mehr.

Wohnungen sucht man sich, will man selbständig Off-Campus wohnen, am besten bei
Craigslist, dem internationalen „WG-Gesucht“ und Tauschbörse für alles. Jeder neue
Austauschstudent ohne Wohnung zieht erst mal in ein Hostel Downtown, wo man meist
einen Haufen Mitstreiter findet und eine Wohnung nach der anderen abklappert. Nach
spätestens einer Woche hat normal jeder etwas gefunden, was ihm/ihr taugt. Je nach
Budget und Flexibilität auch mehr oder weniger schnell. Ich wollte gerne nicht mehr als
500 CA$ (entspricht etwa 500 US$) Monatsmiete ausgeben und irgendwo zwischen
Campus und Downtown wohnen, am besten mit Kanadiern. Zwar ist Victoria sehr
großflächig gebaut und es herrscht nicht die allergrößte Wohnungsnot wie hierzulande in
vielen Städten, aber als Zwischenmiete-suchender Ausländer hat man es doch schwerer
als ich dachte. Ich habe dann jedoch auch eine schöne WG gefunden, Fußweite nach
Downtown, etwas weiter zur Uni, für 575 kanadische Dollar - konnte also direkt meine
Budgetpläne über den Haufen schmeißen. Kanada, insbesondere die Westküste, ist
TEUER, sehr teuer. Insbesondere Wohnen und Lebensunterhalt (Studieren sowieso).
550$ dürfte etwa der Schnitt für ein WG-Zimmer sein, die Wohnheimzimmer (viel kleiner,
ohne Küche..) liegen in ähnlichem Rahmen. Da mir sehr wichtig war, nicht nur mit anderen
Ausländern Zeit zu verbringen, sondern auch in die kanadische Kultur einzutauchen und
Englisch möglichst von „Native Speakern“ zu hören, war mir wichtig, nicht am Campus zu
wohnen. Hier wohnen etwa 50% 17-jährige „Freshmen“ und 50% Austauschstudenten.
Eine WG ist einfach der direkteste Weg, Leute intensiv kennenzulernen. Für mich war es
außerdem die perfekte Entscheidung, nahe Downtown zu ziehen, da sich dort 90% des
Kulturangebotes abspielen, sich die nicht-studierenden Kanadier „rumtreiben“ und
eigentlich jegliches Nachtleben abspielt. Und hier kommt ein wichtiger Punkt ins Spiel: Das Bussystem in Victoria ist ziemlich gut, zuverlässig und weiträumig abgedeckt - Nachts allerdings sehr früh zu Ende. Unter der Woche etwa ab 23:00, am Wochenende ab 1:00 Uhr fährt nichts mehr. Laufen fällt aufgrund der doch mittelmäßigen Distanzen meist aus (Downtown --> Uni etwa 8km), Fahrrad kann man machen, man sollte allerdings nicht regenscheu sein und Angst vor Hügelfahrten haben, es läuft also meistens auf teure Taxis raus (20$ Downtown --> Uni). Die meisten Austauschstudenten leben eben bequemerweise auf dem Campus, was dem Kennenlernen untereinander sicherlich hilft, für viele andere, studiums-entferntere Aspekte jedoch hinderlich ist. Da meine Wohnung in 20 Minuten zu Fuß vom Zentrum Downtowns gehbar war, hatte ich nicht selten Aufwärmund Übernachtungsanfragen, als man mal wieder um 2, 3 von einem Konzert, einer Bar oder nem Club zurückkam ;)

Ein Grund, der On-Campus-Housing für mich ohnehin von vornherein ausschloss, war,
dass meine Zusage erst ziemlich spät kam, ca. 6 Wochen vor Semesterbeginn, sodass
schon jegliche Fristen dafür abgelaufen waren.

Haben Sie noch nützliche Tipps für nachfolgende Austauschstudenten?

Ich kann die UVic wirklich nur empfehlen - Vancouver Island ist so ein schöner Fleck Erde
und definitiv einen längeren Aufenthalt wert. Ich werde die Monate an der Westcoast ganz
sicher vermissen. Mehr als ein Semester war bei mir finanziell nicht drin, außerdem konnte ich mich mit der Art des Studiums dort drüben nie so recht anfreunden, weshalb es auch wieder „gut“ war nach den vier Monaten. Nichtsdestotrotz hatte ich ein paar sehr gute Fächer und Professoren. Wirklich anfreunden hingegen konnte ich mich mit allerlei sehr netten, quer aus Welt kommenden (um ehrlich zu sein, hauptsächlich Europa) anderen Austauschstudenten. Mit Kanadiern leider nur sehr limitiert - was allgemein nicht ganz einfach scheint.

Leute, stresst euch nicht zu sehr in die Abgaben und Tests rund um die Uhr! Ihr seid hier
am anderen Ende der Welt und habt soo viele Möglichkeiten. Leider ließ die Zeit kein
exzessives Herumreisen zu (was man öfters von Erasmus-Studenten hört ;)), aber
immerhin haben wir es zum Surfen an die Westküste der Insel geschafft, für die
Herbstferien zum Sonnetanken nach Hawaii und nach den Prüfungen nach Whistler zum
Skifahren, nach Vancouver sowieso einige Male - eine wunderbare Stadt! Vor allem die
ganzen Ausflüge und Kurztrips sind mir sehr in Erinnerung geblieben - hier festigen sich
Uni-Beziehungen auch erst richtig. Dem oft tristen Westcoast-Wetter im Herbst kann somit auch gut temporär entflohen werden. Wer, wie ich, keine Prüfungen oder sonstigen dringenden Verpflichtungen im Januar danach mehr in Deutschland zu erwarten hat, dem kann ich zudem sehr dringend ans Herz legen, im Anschluss noch etwas die Region/ den Kontinent zu erkunden - so billig kommt ihr nie wieder hier rum. Sei es mehr von Kanada (hier gibt es noch so viel anderes zu sehen), ab in die USA oder Lateinamerika. Letzteres ist es bei mir spontan auch geworden, sodass ich ab Ende Dezember noch für drei
Monate von Mexiko nach Panama gereist bin. Auslandsstudium und Backpacking - was für eine wunderbare Kombination, wie ich finde. Um dem momentan vorherrschenden Bologna-Turbostudium entgegenzuwirken, kann ich außerdem empfehlen, in Deutschland ganz normal fertig zu studieren und dann zusätzlich ein, zwei Semester im Ausland anzuhängen. Dank sinnvoller Auslands-BAföG-Regelung wird die Regelstudienzeit dementsprechend verlängert! Somit ist ein 8. oder 9. gefördertes Bachelorsemester in Deutschland kein Problem! Achso, bringt aber trotzdem genug Geld mit, um euch einen gewissen Spaß hier gönnen zu können...

Viel Spaß im Ausland!