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So lässt es sich leben... Mein winterlicher Sommerurlaub in Cairns

Nach der Arbeit das Vergnügen. Das hatte ich mir auch gedacht, nachdem ich den Stift aus der Hand gelegt und meine Klausurblätter ineinander geschichtet hatte. Mit meinem ersten australischen Dürüm in der Hand – der teuerste, den ich je in meinem Leben gegessen hatte und gleichzeitig weeeeiiiiiiit entfernt vom Geschmack des Meisterwerks meiner Lieblingsdönerbude in Berlin Kreuzberg – fand ich mich nach der Klausur im Bus auf dem Weg zum Strand. Da ich mal wieder eine Nachtschicht eingelegt und mir wie üblich kurz vor knapp den Lernstoff in meinen Kopf gehämmert hatte, wollte ich eigentlich nur schlafen. Da sich dann aber später noch Freunde dazugesellten, hatte sich das mit dem Schlafen erledigt, aber prinzipiell war die Stimmung doch eher „chillaxig“.

 

Meine letzten Tage in Newcastle vergingen wie im Flug und ein weiteres Highlight auf meiner australischen To-do-Liste rückte in großen Schritten immer näher: mein sommerlicher Winterurlaub in Cairns.

Da es in Newcastle in den letzten Wochen schon merklich kälter wurde und meine warme Windjacke mir beste Dienste erwies, freute ich mich auf meine abschließende Woche Sonne in Australien, bevor mich der miese deutsche Sommer wieder ärgern konnte.

In Cairns schwankt das tropische Klima zwischen angenehm warm im australischen Winter und unerträglich heiß im Sommer. Das angenehm warm schien auch auf die Menschen in Cairns abgefärbt zu sein. Die Stadt lebte irgendwie ein sonnigeres Leben als Newcastle. Und ganz davon abgesehen, war man auf einmal von vielen jungen Touristen umringt – unter ihnen – wer hätte es gedacht – wieder einmal unzählige Deutsche. Man sollte also definitiv nicht nach Australien gehen, um sich vor Deutschen zu verstecken... Das funktioniert einfach nicht.

Gebucht hatte ich meine Unterkunft mal wieder bei YHA – da weiß man, was man hat und außerdem hatte ich mich ja auch schon zur einjährigen Bettenmitgliedschaft mit Ermäßigung „hochgeschlafen“.

Und weil es in Cairns noch nicht ganz dunkel war, bewegte ich mich anschließend gleich einmal zum Strand.

Leider gab es in Cairns nicht den gewünschten Strand, sondern die „Esplanade“ - eher ein größerer Pool mit Meerblick ohne Strand – dafür aber mit Wiese und Bars und Eisdiele in unweiter Entfernung.

Das witzigste erlebte ich allerdings auf dem Weg zurück. Gleich in der Nähe der Esplanade hatte sich ein verrücktes Häufchen Menschen angesammelt, die nach Anweisung und zu lateinamerikanischer Musik ihre Hüften, Arme und Beine kreisten – in einigen Fällen gekonnt, in den meisten allerdings eher gewollt. Da sich schon Menschen gefunden hatten, welche die Rollen der Bewegungsvollkatastrophen und Koordinationsschwachmaten ausfüllten, dachte ich mir, dass ich da definitiv nicht negativ auffallen kann und wurde Teil des lustigen 200 Mann oder eher Frau starken Grüppchens. Ich hatte den zweimal in der Woche (immer dienstags und freitags) stattfinden öffentlichen Zumbakurs entdeckt und jaaaa, es machte ziemlich viel Spaß. Auch wenn sich die sportliche Anstrengung doch eher im unteren Level bewegte, freute ich mich über das rhythmische Popogewackel in Massenformation.

Neben der gratis Bewegungseinheit eignet sich Cairns allerdings vor allem zum Menschen kennenlernen und Geldloswerden. Unzählige kleine Lädchen bieten Unmengen an verschiedenen touristischen Attraktionen, angefangen von Tauchausflügen zum Great Barrier Reef, über abenteuerliche Jungletouren, bis hin zu atemberaubenden Sprüngen aus 14000 Fuß Höhe über Cairns.

 

Da es sich um meine letzten Tage in Australien handelte, dachte ich mir: „Was kostet die Welt?“ und fand mich innerhalb der nächsten Tage in dem einen oder anderen verrückten Zeitvertreib wieder – ganz unter dem Motto: „Wie stirbt man am schnellsten in 6 Tagen?“.

Tag 1: Hier war ich ein wenig in die Touristenfalle getappt. Ich stand im Hostel vor dem Regal mit den Prospekten und war auf der Suche nach einem eintägigen Tauchausflug zum Great Barrier Reef. Der Rezeptionist eilte mir mit Rat und Tat zur Seite und hatte mir DAS Angebot schlecht hin unterbreitet: „a free introductory dive“ (ohne Tauchschein ist die Auswahl leider auch ein wenig begrenzter). Gebucht.

Leider hatte mir der gute Mann verschwiegen, dass der Ausflug um den Tauchgang herum noch einmal 190 Dollar kostete. Nun ja, Dummheit muss bestraft werden. Aber bereut hatte ich es letztendlich nicht. Es ging mit einem mittelgroßen Schiff ca. eine Stunde hinaus zum Great Barrier Reef, ich durfte Arm in Arm mit dem Tauchguide und drei anderen Touristen eine Runde um das Riff tauchen und wurde noch einmal 70 Dollar ärmer, um die anderen Touristen und den Tauchguide von meinen Armen abzuschütteln und zu beweisen, dass ich auch ordentlich ohne Hilfe tauchen kann. Zur Stärkung wurde inmitten des Ozeans noch ein warmes und kaltes Büffet für die gefräßigen Massen aufgefahren. Da ich zwar schon öfter schnorcheln aber noch nie tauchen war und ich das erste Mal in meinem Leben das Great Barrier Reef sah, war der Tauchgang für mich natürlich spektakulär, vor allem als neben mir auf einmal eine riesige Wasserschildkröte auftauchte. Einen wundervollen Anblick boten auch die Korallen und Fische, welche sich in ihrer Farbvielfalt versuchen zu übertreffen. Unter Wasser wurde ich dann auch noch von meinem Tauchguide genötigt, eine Seegurke anzufassen, nachdem ich mich erfolgreich davor drücken konnte, dieses schwarze, kackwurstähnliche Geschöpf in die Hand zu nehmen. Zu meinem Glück reagieren diese Kreaturen auf Berührung genauso lebendig wie sie aussehen – nämlich gar nicht.

Nachdem ich mein Näschen in der Sonne noch schön verbrannt hatte, ging es wieder zurück zur City. Und weil sich die Passagiere die Bäuche am Büffet noch nicht voll genug geschlagen hatten, wurde man noch mit Obst, Käse und Crackers zum Platzen angeregt.

Auch wenn letzten Endes 260 Dollar ein verdammt stolzer Preis für diesen Ausflug waren, bin ich doch froh, dass ich mir diesen Ausflug gegönnt hatte.

 

Die Beschäftigung der nächsten 3 Tage waren einer verrückten Minute in Newcastle geschuldet, wo ich das „Awesome Foursome“ – Package  über Greyhound gebucht hatte.

Tag 2: Erste Aktivität der „Awesome Foursome“ war eine ganztägige White Water Rafting Tour. Mein Tag begann damit, dass ich erst einmal alle Rechte im Falle meines Todes aus der Hand gab. Zum Glück erzählte mir man erst am nächsten Tag, dass der Fluss schon 3 Touristen aus den Schlauchbooten fallen ließ und behielt. Maurice, unser englischsprechender südamerikanischer Schlauchbootkommandeur, ein weiterer Quotendeutscher, eine Russin, ein Australier, zwei Asiaten und ich besiedelten unser Schlauchboot und dann ging es den Tully River flussabwärts. Man behauptet, dass der 2,5 Stunden östlich von Cairns gelegene Tully River wohl DER Rafting-Fluss in ganz Australien ist. Maurice steuerte uns gekonnt mit vorher eingeübten “Moves“ durch steinige Flussengen und kleine Wasserfälle und ließ uns mit Vorwarnung kopfüber aus dem Boot fallen und eine Runde durch den Fluss schwimmen. Und patsch... wer vorher nicht schon bis auf die Knochen nass geworden ist, war es spätestens jetzt. Wer sich dann noch traute, konnte von einem knapp 5 Meter hohen Felsen in den Fluss springen, um die Todeswahrscheinlichkeit noch ein wenig zu erhöhen. Aber auch das hatte ich überlebt. Als Lunch und zur willkommenen Stärkung gab es dann das typische Aussie-BBQ, bevor wir unsere Rafting Tour  vorsetzten. Bevor wir endgültig nach Cairns eingeschifft worden, konnte man sich nach der Raftingtour in einem kleinen Dorfpub noch ein wenig abkühlen. Bilder und Infos findet ihr unter www.cairnsrafting.com.au

 

Tag 3: Nachdem die vorangegangen Nacht Deutschland gegen Italien (MAL WIEDER) verloren hatte, war meine Stimmung sowieso irgendwo unter der Erde zu finden. „Heut’ ist ein guter Tag zum Sterben“ trällerte ich vor mir her und warte auf meinen Skydive aus 14.000 Fuß Höhe. Im Flugzeug saß ich dann irgendwie direkt neben dem Piloten fest an meinem Fallschirmflieger angekettet, dass mir auch ja nicht einfällt, mich vielleicht schon eher aus dem Flugzeug zu stürzen. Aber scheinbar war nicht nur ich in Todesstimmung. „I feel so suicidal today!“ Diese Worte kamen übrigens aus dem Mund des sympathischen und ganz nebenbei auch noch verdammt gut aussehenden Piloten. Seeeeeehr beruhigend. Die restlichen 13500 Fuß wurde das Thema Fußball großgeschrieben und weil ich das ja in Australien nicht sowieso schon genug getan hatte, konnte ich mich mal wieder auf Deutsch unterhalten. Dann folgte das wohl Schönste, Beste, Großartigste und Zauberhafteste, was ich je in meinem Leben gemacht hatte.

Aber viel Zeit den Moment zu genießen blieb mir nicht, da mich 30 Minuten später schon wieder die nächste Gelegenheit zu sterben erwartete: Bungeejumping. Diesmal bewegte ich also meinen Allerwertesten nicht aus dem Flugzeug sondern über den Abgrund einer Brücke. Die Mannschaft wollte mich trotz Fußballkatastrophe nicht ohne Bungeeseil springen lassen, obwohl ich mir sehr viel Mühe gegeben hatte, nett zu fragen und dabei mein liebstes Lächeln aufgesetzt hatte. Das Ganze machte mir aber auch irgendwie mit Seil Angst, obwohl es letztendlich schneller vorbei war, als man Kekskrümelversammlung sagen konnte.

 

Tag 4: Noch einmal ging es mit dem Boot hinaus, um das Great Barrier Reef zu sehen. Man muss die Gelegenheit nutzen, wenn man schon einmal in der Nähe ist. Allerdings reichte mir diesmal Schnorchel und Schwimmflossen als Equipment.    

Das Great Barrier Reef war auch noch genauso beeindruckend wie am ersten Tag.

 

Tag 5 und 6: Die letzten beiden Abenteuertage widmete ich ganz dem australischen Jungle. Zusammen mit Maxime, einem Franzosen, den ich noch von Newcastle kannte, und drei sportliche Dänen, die Maxime mit seinem französischen Charme von unserem Ausflugsziel überzeugen konnte, ging es mit einem Mietwagen in Richtung Cape Tribulation. Mal wieder hatte man mir einen Holden unter den Po gesetzt – diesmal allerdings cremefarben und extrabreit. In Deutschland würde man dieses Auto mit 60+ und natürlich mittig auf der Autobahn fahren. Passend zum Auto machten wir Zwischenstopp in Port Douglas, die letzte nennenswerte Anhäufung von Menschen und Häusern vor dem Nirgendwo mit leichtem High-Society-Flair. Und dann fuhr Holden mich und meine männliche Verstärkung irgendwo ins Nirgendwo. Nach einer Fahrt durch unzählige Zuckerrohrplantagen setzten wir mit einer Autofähre über den angeblich krokodilreichen Daintree River. Leider hatte ich kein Krokodil gesehen. Hier ließ mich dann auch mein Handy im Stich und wurde zur nutzlosen Dekoration. Wir fuhren also direkt durch den Cape Tribulation Nationalpark, mit seinem streckenweise noch unberührtem Regenwald, wunderbaren Buchten und malerischen Stränden. Zivilisation? Nun ja... ein paar Touristen und ein paar weniger Menschen, die die Touristen mit Unterkunft, etwas Essbaren und dem Allernötigsten, was man so zum Überleben im Jungle braucht, versorgten. Ich vermisste die Stadt schrecklich, obwohl die Natur schon auch was für sich hat. Zu allem Übel wollten die Jungs dann natürlich auf eigene Faust und ohne Führung einmal quer durch den Regenwald stapfen, um vom Berg nach einigen Hundert überwundenen Höhenmetern einen atemberaubenden Blick über das Cape zu erhaschen. Die Wanderung war so anstrengend, dass es mir schon nach knapp der Hälfte des Weges den Atem raubte. Ich hatte mich noch nie so sehr auf einen Burger und einen großen Cappuccino gefreut wie nach diesem Marsch. 

Danach ging es noch ins Badeloch, eine Wassergruppe direkt im Jungle. Die Jungs konnten sich sogar wie Tarzan hineinschwingen. Ich spielte Fotograf und wartete auf die Dusche im Hostel, da mir die Wahrscheinlichkeit, mit irgendwelchem Getier, insbesondere Blutegel, das  Badeloch wieder zu verlassen, zu groß war.

Die Strände erstrecken sich entlang des Regenwaldes und sind nur spärlich von Menschen besucht. Wer möchte und kann, den laden Kokosnusspalmen zum Klettern mit anschließendem Lunch ein. Für irgendwas müssen ja Männer gut sein... ;)

Aber insgeheim war ich schon irgendwie froh, als mich die Zivilisation in Cairns wieder hatte. 

In Cairns kann man übrigens auch wunderbar feiern. Ganz nebenbei habe ich hier das erste Mal in Australien gut gemixten Electro gehört, ganz ohne nervige Radiopopeinflüsse und ganz ohne die Pfeife Flo Rida oder ähnliche Verunstaltungen aus weit entfernten Musikrichtungen.

Ich war ziemlich traurig, als ich Cairns wieder verlassen musste. Hier wäre ich definitiv auch noch länger geblieben. 

Annegret Franzl zuletzt bearbeitet am 18.07.2012