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Uni-Alltag, Kurse, Erwartungen

So, dann kommen wir mal zum eigentlichen Grund, weshalb ich hier bin – dem Studium (Haha. Ha. Kommt, das hat sich fast ehrlich angehört). Nein, Spaß beiseite – Ich liebe das Studium hier. Ich hab ja schon geschrieben, man belegt 4 Kurse, die normalerweise aus zwei Stunden Vorlesung und einer Stunde Tutorium (in denen herrscht Anwesenheitspflicht!) bestehen. Glück für mich: Einer meiner Kurse findet nicht wöchentlich statt, sondern in zwei Blockseminarterminen (Workshops) und zwei Field Trips (Naja gut, einer war auf dem Sportplatz der JCU, aber ich denke, das geht als Field durch, mh?) mit Uncle Rusty – Mein Held, ich habe gelernt, Feuer zu machen! =) Warum war ich eigentlich nie bei den Pfadfindern? Gibt’s Anfängerkurse für bekloppte 21-jährige?

Ich habe viele internationale Studierende getroffen, die von vornherein nur drei Kurse gewählt haben, um mehr Freizeit zu haben, und Julia hat sogar von vier auf drei Kurse umgestellt, weil es ihr zu viel Arbeit war, und die Sprachbarriere in einigen Business-Kursen wohl etwas groß ist.

Ich habe Geschichts- und „Kultur“-Kurse gewählt, da ich mir hier keine Englischkurse anrechnen lassen konnte (Didaktik? Was ist das? Wir haben Schulbücher, wer braucht da Unterrichtsplanung?), das Problem hatte ich bei den Geschichtsmodulen nicht. Außerdem lernt man in Deutschland/Europa kaum etwas über Australien, oder zumindest habe ich davon nichts mitbekommen, weder in der Schule, wo man sich vielleicht vier Wochen mal in der achten Klasse mit dem Kontinent beschäftigt hat, noch in der Uni – Ich weiß, dass der Studiengang „Anglistik: British and American Studies“ heißt, trotzdem schade. Mein Gedankengang war jedenfalls, klar, wenn man durch das Land reist, bekommt man einiges von der Kultur mit, aber wenn ich eh zur Uni gehe und dafür nen Haufen Geld hinlege (Hallo, Auslandsbafög? Ich hätte wirklich gerne langsam meinen Zuschuss!), dann kann ich die Zeit auch ausnutzen und meinen persönlichen Interessen nachgehen. Ich meine, wo lernt man mehr über ein Land als ebendort? Wir Deutschen machen’s ja vor (Vietnamkrieg? Afrika? Südamerika? Was ist Australien? Nie von gehört. Lasst uns stattdessen achtmal den Nationalsozialismus durchkauen! Jahaa! Das nenne ich mal einen ausgefeilten Lehrplan!).

Also belege ich jetzt World History (World meint tatsächlich World, nicht German-centered European History hier, Wahnsinn!), Australian History, Australia through Time and Place (geht etwas mehr auf die indigene Sicht auf/von Geschichte ein, ist eine Mischung aus Archäologie und Anthropologie) und Linking Indigenousness (Dreht sich um die Kultur, Geschichte und bis heute anhaltenden Probleme der Aboriginies und Torres Strait Islander um Anerkennung ihrer Rolle in der Geschichte Australiens, Kämpfe um Gleichberechtigung und Landrechte und die Wiederherstellung/ -entdeckung ihrer Traditionen und Sprachen).Der Workload ist ok, meist muss man 2-3 Essays lesen (einer ist meist nur Pflicht, die anderen sind eher freiwillig, aber verdammt interessant, also schnappt euch eure Sachen, ein bisschen Verpflegung und geht euren Mitbewohnern damit auf die Nerven, dass euer Unikram den Küchentisch für 7 Leute vollständig bedeckt – Kim? Wir brauchen auch so einen großen Tisch zuhause :P )und ein paar Fragen beantworten. Die sind meist online verfügbar, auf einer sehr übersichtlichen Internetplattform, da posten die Dozenten auch immer alle möglichen Ankündigungen, Änderungen und aktuelle PowerPoint Präsentationen. Viel wird auch per Mail herumgeschickt. Im Tutorium werden die Ergebnisse dann von den diese Woche präsentierenden Studenten – nun ja…  präsentiert… eben. Eine meist 5-10 minütige Diskussion/ Fragerunde schließt sich an und dann wird weitergemacht. Entweder kleine Gruppenarbeiten oder teilweise präsentiert auch der Dozent etwas. Ein Tutorial geht über 50 Minuten, allzu viel wird da nicht gemacht. Wir hatten auch Informationsveranstaltungen über die Bib, Onlinerecherche, oder haben an unseren Fragestellungen gearbeitet.

Da Module in Deutschland –zumindest im aktuellen Modell des Lehramtsstudiums – immer Modulabschlussprüfungen verlangen, muss ich die 50.000 Zeichen-Hausarbeit (20-25 Seiten) hier schreiben, sonst gibt’s Probleme bei der Anrechnung. So etwas wird hier regulär nicht verlangt, die Note setzt sich aus Essays (meist um die 1800 Wörter, 4 Seiten – Moment! 4 Seiten pro Kurs, 4 Kurse? 4x4 Seiten? Meine ich das ernst? Kaum zu glauben, aber jep), Mitarbeit im Tutorium, meist einer Präsentation im Tutorium, manchmal Online Multiple Choice Tests, manchmal einer Klausur, oder beispielsweise in einem meiner Kurse einer im Tutorium erstellten Einleitung und groben Gliederung eines Essays zu einer vorgegebenen Fragestellung zusammen. Macht immer je zwischen 10-50% der Endnote aus, der Essay fällt mit der höchsten Prozentzahl ins Gewicht.

Die Profs und Betreuer unserer Tutorien sind alle super nett, muss man einfach mal sagen. Wir sind nicht allzu viele Leute in den Kursen, 40-50 im Durchschnitt, würde ich behaupten, und die Tutorien sind dann auf max. 15-20 ausgelegt. Die Dozenten werden euch anbieten, sie beim Vornamen zu nennen, und gebt euch keine Mühe, formale Mails zu schreiben, oder bei einer Frage nach einer angemessenen Formulierung zu suchen, alles ist hier sehr persönlich und locker. Und obwohl man viel lernt, ist es nicht so.. akademisch und theoretisch wie in manchen deutschen Kursen, zumindest in den Lectures, die ich jetzt belegt habe. Die Essays verlangen nicht danach, dass man so viele Quellen und fachliche Positionen reproduziert und gegeneinander aufwiegt (natürlich ist auch hier eine vernünftige literarische Grundlage nötig), in erster Linie geht es auch in Präsentationen um eure persönliche Sicht auf die Thematik.

Ich denke, das hat unter anderem etwas damit zu tun, dass die indigene Bevölkerung in der Vergangenheit hier so stark unterdrückt und ignoriert wurde – man war der Meinung, dass die Rasse (Ich weiß, das ist mehr oder weniger ein Tabu-Wort in Deutschland, Denken in „various races“ ist hier aber durchaus geläufig) der Ureinwohner mit der Zeit ausstirbt (Sozialdarwinismus wurde hier GANZ großgeschrieben in der Vergangenheit). Und daher  wurden auch alle Bemühungen um gleiche Rechte, Gesetzesänderungen etc. ignoriert und eine Geschichtsschreibung betrieben, die die Gewalt und Brutalität der ersten Siedler und den Rassismus und Diskriminierungen der nachfolgenden Generationen oft ausgeblendet hat.

Man muss sich immer ins Gedächtnis rufen, dass diese „ferne Vergangenheit“ nicht ganz so fern ist, wie viele sich vielleicht wünschen – Der Namensgeber unserer Uni und Symbol für den weißen Mann, Captain Cook, ist 1788, vor etwas über 200 Jahren hier gelandet. Aborigines erhielten erst 1967 gleiche Rechte und wurden überhaupt zum Zensus hinzugefügt, nach einem nationalen Referendum. Das war erst vor knapp 50 Jahren (oha, krass. Wir haben schon 2015. Kennt ihr das, wenn man sich denkt: „Der Film ist von 2004, total aktuell! – äh, ne, Momentchen…“ Wir hatten neulich n Gespräch über Fight Club, weil einige Mädels – ernsthaft, Yeliz? Julia? – den Film nicht kannten, der ist von 1999!! Das ist 16 Jahre her!).

Worauf ich hinaus will: Die Geschichtsschreibung hier hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz schön gewandelt, auch wenn es im Vergleich immer noch recht wenige indigene Stimmen in akademischen Diskursen gibt –  aber wir gehen jetzt besser NICHT auf die Gründe dafür und das Bildungssystem hier ein. Aborigines hatten traditionell keine Schrift, alle Geschichten wurden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, und haben sich nicht an Daten, Zeiten oder „Fakten“ orientiert, sondern meist an Orten und, hm, nennen wir es „Völkern“ (= „Peoples“. Trotzdem war es keineswegs eine primitive Kultur, wie viele Europäer fälschlicherweise annahmen). Sie wurde von den westlichen Siedlern aber nicht anerkannt und stieß bis vor kurzem immer noch auf taube Ohren. In letzter Zeit aber melden sich immer mehr indigene Stimmen zu Wort, sei es durch Autobiographien, Filme oder Essays. Und es wird immer mehr darauf geachtet, sie auch zu Wort kommen zu lassen und ihre Sicht der Geschehnisse zu erfragen.

Und ich vermute, das hat eben auch Auswirkungen darauf, wie hier in den Unis gearbeitet wird. Man soll nicht immer wieder alte Positionen wiederholen und reproduzieren, der Fokus liegt hier noch deutlicher als bei uns auf der kritischen Auseinandersetzung mit vorhandener Geschichtsschreibung und der Entwicklung und Vertretung einer eigenen, frischen Meinung. Also traut euch und gebt in den Lectures und Tutorials einfach mal euren Senf dazu!

Um mal wieder zu meinem 25-Seiten Essay zu kommen: Nachdem ich Jen im World History Tutorial drauf angesprochen hatte, dass meine Heimatuni das von mir verlangt (Oh, grausame Welt!), hat sie wiederum Pat informiert, unseren Dozenten, und ich habe noch am selben Tag die Meldung bekommen, dass wir uns ja Montag treffen und das besprechen können, und dass das eigentlich kein Problem darstellen sollte. Da ich mir den Essay für das Modul Moderne (ca. Französische Revolution – heute) anrechnen lassen wollte, und mein Lieblingsthema (darf man eigentlich nicht sagen, hm, ein meiner Meinung nach sehr interessantes Thema mit vielen Möglichkeiten zur kritischen Auseinandersetzung und Ausarbeitung eigener Fragestellungen und Argumenten) der Vietnamkrieg ist – alternativ hätte mir auch die Julikrise zugesagt – habe ich das als mein grobes Thema vorgeschlagen. Mit Propaganda und dem Sturz des Diem-Regimes hatte ich mich schon früher eingehend beschäftigt, also möchte ich jetzt gerne mal die amerikanische (Außen-)Politik etwas genauer unter die Lupe nehmen, insbesondere was den Kriegsausbruch angeht. Den Wechsel von Kennedy- zum Johnson-Regime, um genau zu sein. Und Pat meinte – nach einem kleinen Schock („Das ist ja der Umfang einer kleinen Bachelorarbeit bei uns“ – Ehm, haha, jaa… das ist doch Standard, oder nicht, also für normale Module.. und.. Kurse? Salka, wir haben uns viel zu viel Arbeit mit deiner BA gemacht! :D Warum haben wir nicht gleich von Anfang an hier studiert? Achja, da war ja was mit Semestergebühren. Im Ernst, ich wäre schon sowas von durch mit meinem Studium – wie einfach ist es hier bitte, seinen Bachelor zu bekommen?) – dass er genau darauf in einer zukünftigen Vorlesung eingehen wollte, und dass ich das unglaublich gerne als Thema wählen kann. Bis nächste Woche soll die genaue Fragestellung stehen, dann eben Literaturrecherche und ich soll ihm wöchentliche Statusmeldungen geben. Den „kleinen“ Essay muss ich übrigens gar nicht zusätzlich schreiben, worauf ich mich eigentlich eingestellt hatte (das verrät gefälligst niemand der Uni Bielefeld ^^), ich kann mir den großen dann auch für den australischen Kurs anrechnen lassen, wunderbar!

Also, was haben dieser ganze Kram und der unnötige und wahnsinnig langweilige Exkurs jetzt mit euch zu tun? Einfach: Die Bedingungen, einen Kurs hier zu bestehen, sind anders als in Deutschland. Die Anrechnung kann manchmal schwierig sein, und eure Heimatuni verlangt gegebenenfalls nach zusätzlichen Essays oder Arbeiten. Keine Panik - einfach mal euren Dozenten drauf ansprechen, das sollte überhaupt kein Problem darstellen. Außerdem ist die australische Geschichte wahnsinnig interessant (Schaut, was ich in nur vier Wochen alles gelernt habe =) ), ziemlich aktuell mit Auswirkungen bis in die heutige Zeit und Zukunft, und in Linking Indigenousness kann man Field Trips machen! Mit Uncle Rusty, einem lokalen, älteren Aborigine, der euch auf dem ersten Ausflug die Kultur seines People (Es gibt so viele verschiedene Peoples, Sprachen, Dream Time Stories etc. Wahnsinn!) und persönliche Geschichte ein bisschen näher bringt, der euch beibringt, Boomerangs und Speere zu werfen, und, ich habe es schon erwähnt, mit euch FEUER MACHT! Er hat uns erklärt, welche Steine man für welche Messer verwendet, welche Bäume am besten brennen, wie man aus den giftigen schwarzen Bohnen in einem wochenlangen Prozess ungiftiges Brot herstellt – und ich habe es geschafft, ein Feuer zu entfachen, whoo! Jetzt habe ich schon ein bisschen mehr das Gefühl, in der Wildnis, in die es mich nach dem Semester verschlagen wird, überleben zu können :D Lohnt sich also, der Kurs ^^.

Achtung, Schleichwerbung: Wir lesen in dieser Lecture übrigens die Autobiographie von Boori Monty Pryor, „Maybe Tomorrow“, die ich hier einfach mal jedem ans Herz legen möchte, auch wenn ihr euch nicht so eingehend damit beschäftigen müsst wie ich – meine 30 Seiten Study Notes, meine Vorbereitung auf dem Essay, verdammt (ich sollte langsam echt mal damit anfangen) sind inzwischen strukturiert, geordnet und noch einmal zusammengefasst, immerhin. Es ist wirklich emotional geschrieben, behandelt viele ernste Themen und Probleme, mit denen seine Leute immer noch zu kämpfen hat, hat aber oft einen sehr amüsanten Unterton, also deprimiert es weniger als dass es unterhält. Aber man lernt einiges und bekommt mal eine andere Sicht auf die Dinge präsentiert, und neue Perspektiven sind eben immer nützlich, ob man letztendlich mit ihnen übereinstimmt oder nicht (Hm, letztes Mal Allianz, jetzt Montys Buch, ich sollte den Blog wirklich berühmt machen und mir Prozente an den Profiten sichern, die er nach sich zieht).

Sonstige spannende Erlebnisse: Mein Auto und Handy bekomme ich heute Nachmittag, wir hatten vorhin mal wieder Stromausfall (wurde gestern angekündigt, irgendwas müssen die Elektriker hier immer rumbasteln), morgen Nachmittag bis Abend darf ich arbeiten, ich muss mal schauen ob meine TFN endlich da ist, meine Kaffeemaschine heizt nicht (AMAZOOON!! WARUUUMMM? Und nein, ich bin nicht SO technisch unbegabt, dass ich ein Gerät mit nur einem Knopf nicht bedienen könnte. Ich kann sogar Kabel flicken und Badezimmerschränke, deren Traffos kaputt sind, mithilfe meiner Heldin aus dem Baumarkt so umbauen, dass er funktioniert), aber mein Mitbewohner hat mir sein kleines manuelles Maschinchen angeboten und erklärt, uuund 1 Uhr ist wirklich spät genug für ein Frühstück (Ich konnte ausschlafen, hehe), ich bekomme langsam Hunger.

Also dann, auf geht’s J

Kaja Wilhelm zuletzt bearbeitet am 26.08.2015