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Der kanadische Unialltag

Fast eineinhalb Wochen nach dem Semesterstart an der UWinnipeg bilde ich mir ein, jetzt genug über den Unialltag hier zu wissen - und noch genug Motivation zu haben - um darüber zu schreiben.

Die Kurse

Die Kanadier haben viel größere Auswahlmöglichkeiten um verschiedene Module zu belegen. Manches wird wie eine Art Hauptfach als "Major" bezeichnet, zusätzliche Kursrichtungen können als "Minor" hinzukommen. Daher kann man hier auch im Major Business nehmen und dann einen Minor in History machen. Derartige Auswahlmöglichkeiten hat es in meinem Studiengang nicht, weswegen hier auch eine Vielzahl an teils merkwürdigen Kombinationen zustande kommt.

Wer könnte schon ahnen, dass das eigentliche Hauptgebäude dahinter liegt?

Um als Vollzeitstudent immatrikuliert zu sein, muss man mindestens drei Kurse belegen. Die haben eine unterschiedliche Dauer und Häufigkeit, in der sie unterrichtet werden - und ich habe noch immer nicht 100%ig verstanden, wie die Kursdauer hier zustandekommen. Mit meinen grundlegenden Mathekenntnissen behaupte ich mal, dass man auf insgesamt 150 Minuten Kursdauer pro Woche kommt. Ob das dann einmal am Stück (wie ich am Mittwochabend – yay!), zwei oder drei Mal die Woche passiert, hängt vom Kurs ab. 

Ich persönlich belege vier Kurse im Fallsemester, da mir das von meiner Heimatuniversität so vorgeschrieben wurde. Von mehr raten einem die Student Advisor vor Ort auch ab - und ich weiß jetzt auch wieso!

Die Arbeitsbelastung

In meinem Studiengang zuhause geht es normalerweise relativ entspannt los. Der Dozent hält eine exponentiell sinkende Anzahl an Studenten über das Semester bei Laune und das böse Erwachen – alias die Prüfung - folgt dann am Ende. Natürlich wird man dazu angehalten, dem Stoff kontinuierlich zu folgen und mitzuarbeiten. Aber wie so oft weicht die Theorie erheblich von der Praxis ab. Oder habt ihr schon mitgezählt, wie oft ihr euch innerlich geschworen habt, dieses Semester auch wirklich – wirklich! - früher mit dem Lernen anzufangen? Gotcha!

In Kanada hingegen wird in der ersten Stunde die Course Outline in aller Breite besprochen. Dabei handelt es sich um eine Art Gliederung samt Lerninhalten, die ausführlich erklärt wird. Enthalten sind auch Notengebung, inhaltliche und formale Anforderungen und die Liste an Readings (also Texten), die pro Woche als Hausaufgabe gelesen werden müssen. Es werden mehr Noten unter dem Jahr gemacht: Hausarbeiten (Assignments), die eingereicht werden müssen, Gruppenarbeiten und mindestens zwei Mid Term Tests, sowie einem Final Exam. Sogar die Anwesenheit – und in manchen Fällen auch die Mitarbeit - wird bewertet.

Wen das Ganze hier an seine Schulzeit erinnert, liegt richtig. An der UWinnpeg sind die Klassen relativ klein und überschaubar, sodass manchen Dozenten einen relativ schnell mit dem Namen ansprechen können. Da ist Schwänzen oder Hausaufgaben vergessen zwecklos.

Insgesamt ist es also ein anders verteilter Arbeitsaufwand: Während ich meistens nur maximal zwei Kurse am Tag habe, ist man mit der kursbezogenen Literatur schnell bei einem mit Deutschland vergleichbaren Arbeitsaufwand. Und mit meinen Assignments habe ich noch nicht mal angefangen.

Die Dozenten

Das muss ich schnell loswerden: Die Dozenten, die ich habe, sind größtenteils einfach großartig. Man hat wirklich das Gefühl, dass man sie bei Problemen mit dem Stoff oder Kurs jederzeit direkt ansprechen kann. Und sie sind auch wirklich bemüht, einem zu helfen. Außerdem sind sie jederzeit per E-Mail oder Sprechstunde zu erreichen.

Eine weitere Besonderheit, die vielleicht in der kanadischen Toleranz begründet ist, ist, dass man sich für den Fall, dass eine Prüfung auf einen religiösen Feiertag fällt, für einen anderen Termin beim Professor melden kann. Auch falls man Probleme mit den Deadlines der Hausarbeiten hat. (Wobei ich ehrlich gesagt nicht glaube, dass persönliche Faulheit als ernstzunehmende Erklärung gilt.)

Kurswechsel

Die ersten zwei Wochen des Semesters gelten als „Add/Drop Courses Period“, was bedeutet, dass man in dieser Zeit noch in andere Kurse wechseln oder manche direkt sein lassen kann. Für uns Visiting Students ist das natürlich ein Luxus, da wir hier nicht direkt an den Modellstudienverlauf der Heimatuni gebunden sind. Jedoch gibt es auch einen Nachteil: Manche Kurse werden nicht immer angeboten, sodass die kanadischen Studenten ihre Kurse dann belegen müssen, wenn sie unterrichtet werden. Module einfach in ein anderes Semester zu schieben wird dann besonders gefährlich, da immer das Risiko besteht, dass der Kurs vielleicht plötzlich nicht mehr angeboten wird - aber belegt werden muss!

Als ich einen Kurs wechseln wollte, weil mir mein Fortgeschrittenenkurs in Politikwissenschaft doch etwas zu hoch war, war das auch kein Drama. Meine Betreuerin von Student Records ließ mir genug Zeit zum Überlegen. Ihre Begründung: Mir solle mein Kurs ja auch Spaß machen. Ich weiß nicht, wann das letzte Mal ein Professor wollte, dass ich Spaß an seinem Fach habe...

Bücher

Einen Großteil der Readings sind bestimmte Bücher, die vom Dozenten vorausgesetzt werden. Die kann man leicht in der universitären Buchhandlung erwerben. Sie sind jedoch für deutsche Verhältnisse unglaublich teuer! Selbst wenn man die Ausleihoption dort nutzt, zahle ich für mein $120 teures Psychologiebuch noch immer fast $60 Ausleihgebühr. Blöd ist, dass man die Readings tatsächlich auch braucht und nicht nur als Dekoration herumstehen hat. Ich hätte nicht gedacht, dass Bücher so teuer sein können. Also solltet ihr bei der Finanzplanung auch definitiv die Literatur einkalkulieren. Mit etwas Zeit und Muße findet man sie bestimmt auch günstiger im universitären Secondhandladen, Amazon oder über andere Studenten, aber bezahlen muss man - wie meist alles im Leben - trotzdem. [Falls ihr einen (legalen) Weg am Bezahlen vorbei gefunden habt, schreibt mir!]

Mein

Lisa Denndörfer zuletzt bearbeitet am 13.09.2018