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Reading Week

Downtown Winnipeg

Vorletzte Woche -zeitgleich mit meinem Takeover des IEC Accounts auf Instagram – war vorlesungsfrei für eine ganze Woche. Sozusagen kanadische Herbstferien nach Thanksgiving, allerdings ohne herbstliches Wetter. Hier war es verdammt kalt.

Das Schöne am langen Thanksgiving-Wochenende war, dass man zusehen konnte, wie die Stadt förmlich entschleunigt wurde. Viele hatten schon ab Freitag frei, um zu ihrer Verwandtschaft zu fahren. Und so kam es dann auch zu den üblichen Verlängertes-Wochenende-Staus, die die unaufgeregten Kanadier dann so richtig entschleunigten. Ich bin echt froh, hier nicht Autofahren zu müssen.

Die Möglichkeiten für die freie Zeit in den Herbstferien sind beinahe endlos. Einige meiner Mitstudenten waren auf Roadtrips in Kanada oder den USA wohingegen ich unterdessen die Zeit in Winnipeg, unter dem Vorwand des Lernens, verbracht und vertrödelt habe. Während es für andere Roadtrip, neue Städte entdecken und Party hieß, hatte ich mehr so Schlafen, Netflix und Bus fahren. Die ersten beiden Stellen sind selbsterklärend, zur letzten komme ich noch. Ich bin noch immer neidisch auf jeden, der Besseres zu tun hatte, kann aber über meine 10 Stunden Schlaf am Tag kaum klagen. Immerhin keine Augenringe – yay!

Reading Week - not just for reading Netflix subtitles, I guess...

Für die Reading Week hat traurigerweise auch fast der gesamte Essensbetrieb der UWin geschlossen. Die einzige Kantine, die regelmäßig geöffnet hatte, war das halb verhasste, halb geliebte Elements Restaurant. Inzwischen kenne ich aber auch die Kniffe dort zu bestellen: Da die Preise und Portionsgrößen scheinbar jeden Tag neu ausgewürfelt werden, bestellt man sich einfach – egal um welche Tageszeit – das „Breakfast All Day“. Eier, zubereitet nach Wahl, Hash Browns (Ja, die schreibt man wirklich so! Nein, es ist kein Gras oder #Legalizeit-Witz, sondern gebratene Kartoffeln) und zwei Scheiben Toast mit Marmelade. Ich schwöre, so viel Rührei habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen wie hier in Kanada. Da aber auch das Elements zu den unmöglichsten Zeiten – nämlich dann, wenn ich schon wieder Hunger habe – schließt, habe ich in der Reading Week ein paar Mal selbst gekocht. Beziehungsweise, das was man tut, wenn man die Folie von der Tefkühlpizza pult und diese in den Backofen schiebt. Kochen heißt das, richtig?

[Keine Sorge, ich bin durchaus in der Lage, mich selbst zu versorgen und zu kochen – ich will nur nicht!]

Ein Gutes hatte es dann doch, im förmlich ausgestorbenen McFeetors zu sein: Dadurch, dass niemand da war, mussten wir weder was von unserer Pizza abgeben, noch darauf warten, dass die Küche frei wird.

 

Natürlich habe ich nicht nichts gemacht – aber auch nicht viel mehr. An einem Abend war in meiner Stammkneipe mal wieder Comedy Night. Dieses Mal mit einem viel angepriesenen Comedian aus Toronto, Chris Locke. Dadurch, dass so viel Werbung gemacht wurde, waren wir sehr gespannt, was uns erwarten würde. Schlussendlich kann man sagen, dass die üblichen Comedians witziger als sonst waren, der Headliner jedoch nicht. Zumindest nicht für ein deutsches Publikum. Der Comedian machte einen etwas unausgeglichenen Eindruck. Da wir aber dann später noch zu dem Host der Veranstaltung eingeladen wurden und einige Worte mit Chris Locke persönlich wechseln konnte, kann ich nun versichern, dass nur seine Bühnenpersönlichkeit psychopathische Züge hat. Wollte ich nur mal gesagt haben.

Jeden Mittwochabend ist der Eintritt ins kanadische Museum of Human Rights kostenlos. Und da ich meine Kindheit unter Schwaben verbracht habe, wollte ich mir das in der Reading Week nicht entgehen lassen. Ansonsten kostet der Eintritt nämlich, selbst mit Studentenrabatt $17! Außerdem habe ich normalerweise einen Kurs mittwochabends, sodass es an diesem Mittwoch so ein Jetzt-oder-nie-Ding wurde. Es wird wahrscheinlich auch ein Nie-Ding bleiben, denn ich war in charge of the planning – und das geht nie gut. Bei der Hinfahrt im Bus – immerhin habe ich den richtigen Bus gefunden, okay? – wurde die Haltestelle nämlich nicht so angezeigt, wie sie in meinen Notizen stand. Also stiegen wir auch nicht aus. Die Busirrfahrt führte noch gut eine Dreivierteltunde durch Straßen, Trailerparks und Bonzenviertel, bis wir an der Endstation ankamen. Natürlich hatte es angefangen wie verrückt zu schneien, das Datenvolumen zum Orten war aufgebraucht und Hunger hatten wir auch. In uns stieg die Erkenntnis auf, dass wir eventuell in den gefährlichsten Teil der Stadt, nämlich Northend, gefahren waren. Vor diesem Stadtteil hatte uns bisher jeder gewarnt.

Da wir ohnehin aussteigen mussten, suchten wir Zuflucht im nächstbesten Gebäude – was glücklicherweise eine Mall war. So konnten wir nicht nur was essen, sondern gleich googlen, wie wir denn nach Hause kommen würden. Ein kanadischer Kumpel klärte uns später nochmals über die Himmelsrichtungen auf: Wir waren nicht im gefährlichsten Teil der Stadt gelandet, sondern im reichsten… Was zumindest erklärt, wieso uns das Mall-Publikum ansah wie zugeschneite Hunde, die der Wind hereingeweht hatte.

Wenn die Mall ein eigenes Arcade Center hat

Lehren daraus: Erstens: Lasst mich besser einfach nichts planen, hier in Kanada. Ich schwöre, das passiert mir nicht mit Absicht, aber das Busssystem ist hier a) relativ willkürlich und b) gibt es für fast jede Buslinie eine Haltestelle im 10 Minuten Fußmarsch Radius vom Studentenwohnheim. Da kann man mal durcheinander kommen. Zweitens: Kühlen Kopf bewahren und nicht sofort in Panik verfallen. Aber bitte auch nicht leichtsinnig sein – Winnipeg ist nicht ungefährlich. Und Drittens: Malls können Leben retten. Zumindest, wenn man kurz vor dem Hunger- oder Erfrierungstod steht.

Lisa Denndörfer zuletzt bearbeitet am 07.01.2019