< zurück zum Blog von Lukas Krähn
< zurück zum Universitätsprofil: London South Bank University

#06 Zwischen zwei Welten

Nachtrag vom 26. September 2014:

Es ist Freitag 11 Uhr, die Geschäfte und Cafés haben gerade erst aufgemacht, vereinzelt treffe ich Leute auf den nahezu leeren Straßen. Der Verkehr ist ruhig, es gibt keinen Stau, mein Leben als Fußgänger ist heute einmal ungefährdet. Das einzige Hochhaus im Stadtzentrum ist ein altes Hotel am Ufer des Wassers, ein Überbleibsel aus vor-meiner-Zeit, als dieses Land noch aus zwei Teilen bestand. Ich bin zurück in Potsdam. Paradoxerweise herrscht hier das Wetter, dass man mir für London versprochen hatte - wolkenbehangener Himmel und Nieselregen bei gemütlichen 14 Grad. Viele Grüße aus Good Old Germany!

 

Ein wenig fühle ich mich wie in einem Paralleluniversum. So wie das hier aussieht kann ich mir gut vorstellen, dass die Zeit bei meinem Abflug vor 3 Wochen einfach stehengeblieben ist, um erst gestern Abend wieder weiterzulaufen. Ich kann kaum glauben, dass ich vor weniger als 24 Stunden noch in einer Stadt war, in der alles so anders ist als hier, soviel größer und schneller. Nun habe ich Zeit bis Sonntag, einmal tief durchzuatmen, um mich danach erneut ins englischsprachige Getümmel zu werfen.

 

Solltest Du vorhaben, während Deines Auslandsaufenthaltes einmal zurück in die Heimat zu fliegen, habe ich einen guten Tipp für Dich: Plane genug Zeit ein, um zum Flughafen zu kommen! Egal welchen Zeitplan Du Dir zurechtgelegt hast, fahr eine Stunde früher los! Der Straßenverkehr in London ist unberechenbar! Als ich gestern nach nahezu 2 Stunden Fahrt aus dem Bus stieg, der mich zum Stansted Airport bringen sollte, hatte ich exakt eine Viertelstunde bis zur unwiderruflichen Schließung meines Gates. Nachdem ich mein Gepäck bereits durchleuchtet wiederbekam, war diese um. Mit notdürftig umgeschnalltem Gürtel und meinem Tascheninhalt in der Hand schulterte ich meinen offenen Rucksack und sprintete los. Auf diese Art behielt ich zwar mit gelegentlicher Nachjustierung meine Hose, erregte aber die Aufmerksamkeit einer Sicherheitsbeamtin, die mich mit der Frage "Have you got your mobile?" zunächst überforderte und mir dann mein Handy zurückgab.

 

Dankbar nahm ich dieses vermalledeite Scheißding entgegen und die Beine erneut in die Hand! Habe ich schon mal erwähnt, dass ich Duty-Free-Shops hasse? Ich hasse sie! Besonders wenn diese die Länge von verdammten Einkaufsstraßen annehmen und voller kaufwütiger Kofferträger sind, die nichts Besseres zu tun haben, als mir im Weg herumzustehen! "AUS DEM WEG!!!" - dachte ich laut, während ich in Höchstgeschwindigkeit versuchte, die verschwommen Anzeigetafeln entlang des Weges zu erfassen. Nachdem ich um eine Ecke gebogen war, befand ich mich auf einmal in einer Sackgasse. Hier ging es nicht weiter, weder nach rechts, noch nach links, noch irgendwo anders hin. Ich musste erst ein Schritt zurückgehen, bis ich begriff, dass ich mich an einem Bahnsteig befand. Ein Bahnsteig wo Züge fahren! Züge die nur zu bestimmten Zeiten kommen und Dich zu Deinem Gate bringen!! ZÜGE AN EINEM FLUGHAFEN!!! Ich hätte mich am liebsten auf den Boden geschmissen!

 

Kennst Du diesen Film mit Tom Hanks, in dem er nach einem verpassten Flug mehrere Wochen auf einem Flughafen lebt? Dass dieser Zug auch noch mehrere Stationen anfuhr, von denen meine nicht die erste war, registrierte ich schon gar nicht mehr. Ich war dabei mir Sätze zurecht zulegen. Wenn ich eines in den letzten drei Wochen geübt hatte, dann war es das - Sätze zurecht legen! Mit dem Unterschied, dass diese nun nicht nur einem Smalltalk über die Uni genügen mussten, sondern über die nächsten Stunden und den Inhalt meiner Geldbörse entschieden. Während ich aus dem Zug sprang und zwei letzte Rolltreppen emporlief, machte ich mich bereit für einen letzten Kampf gegen den Endgegner - der unnachgiebige Sicherheitsbeamte am Schalter meines Gates, das letzte Hindernis zwischen mir und meinem Flugzeug! LASSEN SIE MICH DURCH, ICH WILL NACH HAUSE!!

 

Am Ende der Rolltreppe hatte ich einen gähnend leeren Wartebereich erwartet, eine perfekte Kulisse für den mir bevorstehenden Showdown. Was mir jedoch bevorstand war das genau Gegenteil - eine lange Warteschlange voller Menschen, die gerade dabei waren, in aller Ruhe für den Flug nach Berlin Schönefeld einzuchecken... Vielleicht hättest Du Dich an meiner Stelle darüber geärgert, doch ich hätte in diesem Moment vor Freude fast geweint. Ich hatte es tatsächlich noch geschafft! Jeder einzelne Meter den ich gerannt war, hatte sich gelohnt! Erleichtert nahm ich meinen Platz am Ende der Schlange ein, jedoch nicht ohne jedem der Anwesenden mit einem triumphierenden Lächeln den Sieg über mein katastrophales Zeitmanagement zu signalisieren. Während ich in meinen Sitz sinke, werden die vielen Lichter Englands kleiner und kleiner... GOODYBYE LONDON - BERLIN HERE I COME!

 

Cheers,

Lukas

Mal hier, mal dort...

Lukas Krähn zuletzt bearbeitet am 02.02.2015