Kulturschock im Auslandsstudium

Egal in welchem Land, die meisten Studierenden erleben erstmal einen Kulturschock. IEC erklärt hier was er bedeutet, wie man damit umgehen kann und dabei noch die persönliche Entwicklung fördert.

Ein Plus für die persönliche Entwicklung

Einen Kulturschock im Auslandsstudium haben wohl die meisten Studierenden erlebt. Doch auch wenn der Begriff dramatisch klingt: Meistens ist es gar nichts Schlimmes ihn zu durchleben, sondern in gewisser Weise ist er notwendig mit einem wichtigen Ziel des Auslandsstudiums verknüpft: sich persönlich weiterzuentwickeln.

Viele Studierende machen schon im eigenen Land schockierende Erlebnisse, die auf kulturellen Missverständnissen beruhen. Ein Bayer kommt mit den Kommunikationsgepflogenheiten seiner norddeutschen Kommilitonen nicht zurecht. Wer tief aus dem Westen stammt, empfindet den Wechsel von der Ruhr-Uni Bochum an die Uni in Leipzig vielleicht als gewöhnungsbedürftig und es soll Kölner geben, die einen Studienplatz in Düsseldorf wegen mentaler Unverträglichkeit abgelehnt haben. Und zum Verhältnis zwischen Deutschen und Österreichern gibt es das schöne Bonmot, dass uns die gemeinsame Sprache trenne, was zu denken geben sollte: Immerhin ist der Nachbar der Deutschen liebstes Ziel für ein Auslandsstudium. Deshalb gilt: Die Tiefe des Kulturschocks hängt nicht unbedingt von der Entfernung des Studienortes und der tatsächlichen oder vermeintlichen Fremdheit des neuen Umfelds ab, sondern ganz stark von eigenen Erwartungshaltungen und Wertvorstellungen.

Kulturschock in vier Phasen

Den Begriff Kulturschock führte eine amerikanische Anthropologin 1951 ein. Heute unterscheidet man vier Phasen, wenn Menschen durch eine fremde Kultur in Unruhe versetzt werden. Der Euphorie in der Honeymoon-Phase, in der alles in der neuen Umgebung toll erscheint, folgt der eigentliche Schock durch eine Krise. Beim einen sind es Hygienebedürfnisse, die durch den Zustand öffentlicher Toiletten oder die Gepflogenheiten auf dem Markt, tief verletzt werden. Die nächste versteht nicht, warum der nette Kommilitone aus der Mensa nicht wie versprochen zurückruft. „In den USA freuen sich die meisten Deutschen darüber, dass die Menschen so freundlich sind, besonders in Kalifornien“, erzählt IEC Studienberaterin Claudia Zongaro, die dort selbst lange studiert und gearbeitet hat. „Umso tiefer ist dann die Enttäuschung, das der nette Gesprächspartner von letzter Woche, den man unbedingt anrufen sollte, sich offensichtlich nicht mehr an diese Einladung erinnert.“

Vom gefühlsmäßigen Tiefpunkt erholt man sich dann durch Anpassung. Am Ende ihres Auslandsstudiums stellen viele Studierende erstaunt fest, an was sie sich alles gewöhnt haben, was in der Krise unerträglich erschien. Diese Anpassungsleistung ist wahrscheinlich der fruchtbarste Moment im Verlauf des Auslandsstudiums. Dank des Kulturschocks lernen wir uns selbst besser kennen, lernen andere Verhaltensweisen, die fremd erschienen, als gleichwertig zu akzeptieren.

Symptom Heimweh

„Heimweh ist meist ein sehr allgemeines, aber deutliches Symptom dafür, dass der Kulturschock da ist“, weiß Claudia Zongaro, die schon viele deutsche Studierende zwischen Ost- und Westküste betreut hat. Doch so verlockend es erscheint: „Der schnelle Trost durch Mama oder beste Freundin via Skype ist oft kontraproduktiv“, so Zongaro. Besser sei es, vor Ort eine Vertrauensperson zu suchen. „Sonst besteht schnell die Gefahr, dass man alle Amerikaner für oberflächlich hält, was natürlich völlig falsch ist. Man muss halt lernen, bestimmte Höflichkeitsfloskeln zu entschlüsseln“, weiß Zongaro. Hinzu kommt: Auch in den Gastländern gibt es Klischees über andere Leute. Natürlich sind nicht alle Deutschen pünktlich, aber Pünktlichkeit wird wohl weltweit mit Deutschland verbunden und deshalb fällt ein deutscher Gaststudent, der ein lässiges Zeitmanagement hat, eben besonders auf.

Während Unternehmen ihre Mitarbeiter für den Auslandseinsatz vorher eingehend schulen, damit diese vor Ort möglichst in kein Fettnäpfchen treten, gibt es durchaus gegenteilige Empfehlungen: Möglichst keinen Reiseführer vorher lesen, um nicht bestehende Klischees, die man im Kopf hat, zu verfestigen oder neue aufzunehmen. Die gefährlichste Falle, die es zu vermeiden gilt: Ein negatives Ereignis im Gastland bestätigt scheinbar ein bestehendes Klischee und führt zum Pauschalurteil. Wem Pünktlichkeit und klare Ansprache im Blut liegen, wird andernorts den lässigen Umgang mit Zeitangaben ebenso anstrengend empfinden wie wortreiche Umschreibungen für eine Anfrage, die man doch mit drei Sätzen erledigen könnte. Erst wem es gelingt, zu akzeptieren, dass in Rio die Uhren anders zu ticken scheinen und Chinesen Wert auf Gesichtswahrung legen, wird die Chance haben zu erkennen, welche Vorteile in diesen anderen Verhaltensweisen liegen können. Ein bisschen Selbstkritik ist dabei hilfreich. Ein gutes Warnsignal ist der Begriff normal im eigenen Gedankenstrom. Das meiste, was wir selbst als nicht normal empfinden, ist einfach nur ungewohnt, für andere Menschen aber völlig normal.

Kommunikation gegen Kulturschock

Zum Beispiel Essgewohnheiten: Es gilt nicht nur ungewohnte Speisen zu entdecken. Wer die möglichst zeitoptimierte Nahrungsaufnahme in einer deutschen Kantine für das Nonplusultra der Selbstoptimierung hält, sozusagen für normal, wird in anderen Ländern nicht nur wegen der entgangenen kulinarischen Freuden bei einem zweistündigen Mittagessen belächelt. Vor allem verpasst er unter Umständen die wichtigste Besprechung im Semester, die auf keinem Stundenplan verzeichnet war. Letztlich ist der Kulturschock vor allem ein Kommunikationsproblem: Gerade im Auslandsstudium besteht die Chance zu erfahren, dass es dabei um mehr geht als eine eine fremde Sprache möglichst fehlerfrei zu beherrschen.

Tipps vom IEC Profi

IEC Studienberaterin Claudia Zongaro

Frage: Wer hilft mir, wenn mich der Kulturschock und das Heimweh packen?

Claudia Zongaro: Natürlich ist es OK sich bei akuten Symptomen Trost zu Hause via Skype zu holen. Ein vertrautes Gesicht, dem man nicht alles erklären muss, ist sehr entlastend. Aber vor allem sollte man sich Gesprächspartner vor Ort suchen.

Frage: An wen denken Sie? Gibt es Profis?

Claudia Zongaro: In der Regel haben die Mitarbeiter am International Office der Gastuniversität ein offenes Ohr. Häufig gibt es sogar psychologisch geschultes Personal für krisenhafte Situationen. Aber meistens hilft es schon sich mit Kommilitonen auszutauschen. Die einheimischen Studierenden freuen sich, wenn sie dem Gast aus dem Ausland helfen können. Oft ist es hilfreich, eine bestimmte Frage mit anderen Austauschstudenten zu besprechen. Die müssen nicht unbedingt aus Deutschland sein. Manchmal hilft der Blick aus den Augen verschiedener Studierender auf das fremde Gastland eine Sache neu einzuordnen. Hilfreich sind auch unsere IEC Facebook-Gruppen: Da kann man einfach mal eine Frage an Leute loswerden, die die Situation Auslandsstudium schon kennen.

Frage: Vermeidet man den Kulturschock leichter, wenn an der Gastuniversität viele deutsche Studierende sind?

Claudia Zongaro: Ich frage mich, ob es so wünschenswert ist, das völlig zu vermeiden. Letztlich ist das wohl eine persönliche Geschmacksfrage, ob dort viele andere Deutsche sind. Allerdings sehe ich schon die Gefahr, dass man zu sehr unter sich bleibt. Auf jeden Fall haben wir ziemlich viele Studierende, die sehr bewusst eine Gastuniversität mit wenigen deutschen Studierenden suchen. Insofern bietet es sicherlich einen Vorteil, wenn man mit IEC eine Partneruniversität findet. Da sitzt man nicht mit denselben Leuten im Seminar wie zu Hause, weil alle gleichzeitig dieselbe Partnerhochschule besuchen.